Zeitung Heute : Kleine große Welt

MARKUS KRAUSE

Heinz Berggruen und seine "BerlinerLektion" im Renaissance-Theater Die Berliner lieben ihn: Standing Ovations für Heinz Berggruen, der gestern im Rahmen der Berliner Lektionen im ausverkauften Renaissance-Theater Geschichten aus seinem bewegten Leben erzählte, während der Stülerbau mit seiner Kunstsammlung unter dem Ansturm der Besucher förmlich erzitterte.Mehr als die doppelte Zahl der eigentlich zulässigen Besucher durchwanderten, eingelassen in stündlichen Schüben, die drei Stockwerke des Museums. Von diesem Wirbel war in der Hardenbergstraße nichts zu spüren, hier ging es eher behutsam zu.Mit Wärme, ja Rührung reagierte das Publikum, welches den Ausführungen dieses großen Kunsthändlers, Sammlers und nunmehrigen Museums-Mannes begierig lauschte.Besonders die menschlich-allzumenschlichen, zuweilen sehr humorvollen und liebevollen Anekdoten über seine Begegnungen mit den bedeutenden Künstlern dieses Jahrhunderts, Pablo Picasso, Joan Miró oder Henri Matisse, wurden entzückt aufgenommen.Wie schön: Plötzlich ist es, als stiegen diese großen Gestalten vom Olymp herab; durch Berggruens Erzählungen erscheinen sie auch dem Normalsterblichen zum Greifen nah.Da ist es ganz egal, daß vermutlich die meisten, die hier saßen - großenteils Persönlichkeiten der Berliner Kunstwelt -, Berggruens Memoiren bereits gelesen haben.Man wollte ihm einfach zuhören, und das wohlige Gefühl, welches diese persönliche Rückschau beim Zuhörer erzeugte, überdeckte über weite Strecken die ebenso angebrachte Nachdenklichkeit angesichts eines Lebens, das genausogut hätte scheitern können - schließlich wurde Berggruen von den Nazis aus Deutschland vertrieben und damit zu einer Existenz gezwungen, die er nicht gewählt hatte. Heinz Berggruen aber hat Glück gehabt, und der von ihm immer wieder als autobiographisches Leitmotiv genannte Bildtitel von Paul Klee, "Hauptweg und Nebenwege", erhält vor dem geschichtlichen Hintergrund dieses Lebens erst seine eigentliche Bedeutung.Die Welle der Sympathie, die ihm hier in den Räumen des Renaissance-Theaters entgegenschlug, scheint jedoch noch einen anderen Grund zu haben als den seiner liebenswürdigen Persönlichkeit und seines großzügigen Kunst-Geschenkes an die Berliner.Wenn Berggruen erzählt, dann lösen sich die Wirrungen und Gefährdungen des Lebens in etwas letztlich Positivem und Sinnvollem auf.Alles, so scheint es, wird gut.Und auch die "große Welt", die oft so fremd, so unpersönlich wirkt, wird durch ihn auf ein menschliches Maß gebracht, in dem man sich wie zu Hause fühlen kann.Diese Botschaften sind es, die zwischen den Zeilen aufleuchten, und hierfür sind ihm viele dankbar.Heinz Berggruen begann die Erzählstunde mit dem abgewandelten Diktum John F.Kennedys: "Ich bin wirklich ein Berliner." Genau das wollte man hören.MARKUS KRAUSE 

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