Zeitung Heute : Kleine Pannen beim Internet zum Pauschaltarif

HOLGER SCHLÖSSER

An sich eine gute Idee: Surfen von sieben Uhr abends, bis sieben Uhr in der Früh und am Wochende soviel man will - alles für 77 Mark im Monat.Mobilcom-Chef Gerhard Schmid hat nach Mobilfunk und Festnetz nun das Internet im Visier.Zum ersten Mal bietet ein Unternehmen in Deutschland die aus den USA bekannten "flat rates" an, geringe Pauschaltarife mit Telefon- und Providerkosten inklusive.Doch was nach einer Kriegserklärung an Telefongesellschaften und Internetprovider klingt, startete zunächst mit einer Medienenthüllung.

Nicht genug, daß sich Kunden über die schlechte Erreichbarkeit der Einwahlknoten beschwerten.Am vergangenen Wochendende gelang es Reportern des Bayerischen Rundfunks nach eigenen Angaben, in die Modem-Router des Unternehmens einzudringen und Telefonnummern sowie Anmeldedaten aller eingewählten Nutzer auszulesen.Ein raffinierter Hacker-Angriff? "Das war kein Hack, hier standen alle Fronten offen", erklärte Daniel Engelbarts, Bayern-3-Redakteur der Sendung "Netradio", der die Geschichte publik machte, dem Tagesspiegel.

"Wir haben uns per Terminal-Programm, wie man es zum Abrufen von E-Mails verwenden kann, in den dortigen Router eingewählt.Mit einem ganz gewöhnlichen Unix-Befehl kamen wir an datenschutzrelevante Informationen heran".Mobilcom-Chef Schmidt wiegelte im Netzradio-Interview erst einmal ab: "Für uns stellt das keine Verletzung des Datenschutzes dar, weil wir ein offenes System haben und es kein Problem ist, daß die Nutzer anhand ihrer Telefonnummern bekannt sind.Diese sind überall bekannt."

Drei Tage später stritt Rolf Krause, Geschäftsführer für den Bereich Cityline bei Mobilcom, auf Nachfrage ab, daß es überhaupt ein Sicherheitsleck gegeben habe."Das ist alles heiße Luft.Die Auswertung unserer Firewall-Rechner zeigt, daß auf sensible Kundendaten nicht zugegriffen werden konnte.Hier wollte sich vielleicht jemand in den Medien profilieren." Immerhin bestätigte er, daß in einer Testphase die Geräte nicht genug geschützt gewesen seien.Auf kritische Bereiche konnte aber zu keinem Zeitpunkt zugegriffen werden, so Krause.

Was kritische Daten sind, darüber gehen die Meinungen auseinander.Der Programmchef von Bayern-3, Rainer Tief, bringt für die Beteuerungen Krauses kein Verständnis auf."Wenn man die Telefonnummern der Kunden herausbekommt, ist das schlimm genug.Mit einer Telefonbuch-CD-ROM können sie ganz einfach auch die Namen und Adressen der Leute herausfinden.Das weckt doch die ökonomischen Interessen zum Beispiel von Direktwerbern."

Von dem Sicherheitsleck waren nach Angaben der BR-Reporter nicht nur Kundendaten betroffen.Einmal im Netz, sollen Hacker sogar Teile der Firmencomputer von Mobilcom kontrolliert und kostenlos bis nach Hongkong telefoniert haben."Blanker Unsinn, beides ist technisch gar nicht möglich", so Krause.

Für die Datenschützer ist das Sicherheitsleck bei Mobilcom noch kein Thema, wenngleich man sich in Zukunft verstärkt diesem Feld widmen möchte."Wir wollen uns in diesem Jahr mehr mit den Internet-Providern beschäftigen", so die Berliner Datenschützerin Usula Meyer zu Natrup."Uns interessiert, wie diese Unternehmen die Daten der Kunden schützen und die rechtlichen Regelungen umsetzen." Bisher sei allerdings noch kein krasser Fall des Mißbrauchs an die Öffentlichkeit gekommen."Es gibt viele mögliche Sicherheitslecks in Rechnersystemen, man hinkt hier immer hinterher.Oft kann man erst etwas dagegen unternehmen, wenn es bekannt geworden ist." Wichtig sei, daß die Ausbildung der EDV-Leute in den Sicherheitsbereichen verbessert wird, damit diese auf Probleme schnell reagieren könnten.Ein Problem, das wohl auch Mobilcom hat, so man BR-Reporter Engelbarts Glauben schenkt."Die Leute von Mobilcom riefen mich an und fragten, ob ich noch weitere Sicherheitslücken entdeckt hätte, die sie dann fixen könnten", so Engelbarts."Hier ist noch viel Dilettantismus im Spiel.Mobilcom hätte vielleicht ein paar bessere Techniker einstellen sollen."

Mittlerweile sind die technischen Probleme bei dem erfolgreichen Telekommunikationsunternehmen behoben und die Zugriffsmöglichkeiten auf die Modems gesperrt.Um die Stimmung unter den mittlerweile 25 000 Kunden zu heben, wird der Pauschaltarif von 77 Mark im Monat erst vom 15.Januar an in Rechnung gestellt.Vorerst rät jedoch Engelbarts noch zur Vorsicht."Mobilcom muß in Sachen Datenschutz noch einiges lernen." Seiner Meinung nach sollte man noch eine Weile abwarten, bevor man das verlockende Angebot zum Surfen nutzt."Momentan sind die Internet-Surfer noch die Betatester von Mobilcom."

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