Zeitung Heute : Kleiner Liebling Kreuzberg

Dennis ist der einzige Deutsche in seiner Klasse, kein Macho und trotzdem stark

Claudia Keller

Geburtstag. Fest. Geschenke. Jedes Kind weiß, wann es so weit ist. Sollte man meinen. Aber Yousef weiß es nicht, sein Geburtsdatum fällt ihm nicht ein. Dennis greift sich an den Kopf. „Da wird gefeiert, da kriegt man Geschenke“, erklärt er seinem Freund. Deshalb sei es wichtig zu wissen, an welchem Tag man auf die Welt gekommen ist. Für Yousef spielte das bisher keine Rolle. Bei ihm zu Hause wird das muslimische Zuckerfest, nicht der Geburtstag gefeiert. Er ist nicht der einzige Zweitklässler der E.-O.-Plauen-Grundschule, der sein Geburtsdatum nicht nennen kann. An diesem Morgen sollen die 23 Kreuzberger Schüler ihre Geburtstage in den Kalender eintragen und so die Monatsnamen lernen.

Dennis ist neun Jahre alt und das einzige deutsche Kind in der Klasse. Der Letzte, der außer der Lehrerin hier noch für das steht, was manche die deutsche Leitkultur nennen. Der deutsche Junge sei wichtig für die Klasse, auch für das Sprachniveau, sagt die Klassenlehrerin. Mit der deutschen Sprache klappt es bei den meisten von Dennis’ Mitschülern zwar ganz gut – sie verstehen die Lehrerin, und sie können die Geschichte von der Hexe Irma fließend nacherzählen. Aber neulich war Dennis der Einzige, der wusste, was ein Bauer ist. Rabia, Hamdu und Yasin kennen nur Bauarbeiter. Dabei besuchen sie eine so genannte Regelklasse, in der alle Kinder – auch untereinander – deutsch sprechen.

Neben diesen Regelklassen gibt es an der Plauen-Grundschule Förderklassen für Kinder, denen Deutsch noch nicht so leicht über die Lippen kommt. Sie sprechen es nur mit der Lehrerin. Deshalb klappt auch das Addieren und Subtrahieren nicht so gut wie in der Regelklasse von Dennis. Zwei Drittel der Neunjährigen gehen hier in Förderklassen.

Vor 20 Jahren gab es in der alten roten Backsteinschule in der Nähe des Mariannenplatzes keine Förderklassen, keine Regelklassen, keine Vorklassen und morgens auch keinen Extra-Deutschunterricht. Vor 20 Jahren stand auf den Zwischentüren auch nicht „Ziehen – Cekimiz“. Vor 20 Jahren kam noch die Hälfte der Schüler aus deutschen Familien. Heute stammen 92 Prozent der Schüler aus Familien, die kein Deutsch sprechen.

„Noch vor 15 Jahren haben wir uns mit Händen und Füßen gegen die Unterscheidung in Förderklassen und Regelklassen gewehrt“, sagt Schulleiterin Gerlinde Hohnhäuser. „Wir dachten, das sei überflüssig und behindere die Integration.“ Heute geht es nicht mehr anders. In dem Maße, wie Kreuzberg zum türkisch-arabischen Ghetto werde, blieben die Deutschkenntnisse der Kinder auf der Strecke. Schon lange ist bekannt, dass auch Türken, die es sich leisten können, wegziehen, wenn die Kinder eingeschult werden.

Dennis’ Mutter sieht das anders. „Es ist doch das Normalste der Welt, dass man seine Kinder auf die Schule um die Ecke schickt“, sagt die 40-jährige, allein erziehende Mutter. Frau Wölbert lebt seit 1984 in Berlin. Ob Dennis’ Mitschüler Türken, Araber oder Deutsche sind, spielt für sie keine Rolle. Ihr Junge würde mit seinen ausländischen Klassenkameraden genauso viel lernen wie die Kinder ihrer Freunde, die Kreuzberg den Rücken gekehrt hätten. Und noch mehr, nämlich sich durchzusetzen und mit Menschen anderer Kulturen zurechtzukommen.

Dass schon ein Anteil von 20 Prozent nichtdeutscher Kinder das Niveau in einer Klasse senke, wie es die Pisa-Studie nun belegen soll, das hält sie für „einen Sack voller Vorurteile“. „Es gibt Kinder, die schnell lernen, und Kinder, die lernen langsam“, sagt Frau Wölbert, „das hängt doch nicht von der ethnischen Herkunft ab.“ Entscheidend sei, dass sich die Eltern um die Kinder kümmern. Bei Dennis sei es egal, auf welche Schule er geht, sagt seine Lehrerin. Er würde immer eine Gymnasialempfehlung kriegen.

Mittlerweile ist es halb elf. Um nach der Großen Pause wieder Ruhe in die Klasse zu bekommen, lässt die Lehrerin die 24 Kinder erst einmal malen. Plötzlich reißt ein Junge Yasin das Blatt weg. Yasin, der neben Dennis sitzt, rutscht der rote Malstift mitten über die Zeichnung. Er springt auf und will dem anderen einen Schlag verpassen. Langsam beruhigt er sich wieder. Dennis streicht ihm tröstend über den Kopf. „Komm schon, ist nicht so schlimm.“

Es sind ausgleichende Gesten wie diese, die ohne Dennis in der Klasse wohl seltener wären. Er kann auch mal Schwäche zeigen, sagt Cleo Diehm, seine Lehrerin, bei einer Zigarette im Lehrerzimmer. Während seine türkischen und arabischen Freunde schon mit acht Jahren Härte demonstrieren wollten. Dennis ist der Einzige, der bei einer Diskussion über Homosexualität nicht gleich „igitt“ schreit. Deshalb nennt die Lehrerin ihn „Kulturdolmetscher“. Dennis ist auch einer der wenigen, der sich traut, einen anderen in den Arm zu nehmen. Wer sich dagegen zu Hause ständig mit Händen und Füßen behaupten muss, bei dem reicht schon ein schräger Blick auf dem Schulhof und er schlägt zu.

Viele Eltern sind mit den eigenen Sorgen überfordert. Kaum ein Vater oder eine Mutter der Schüler habe Arbeit, sagt die Lehrerin. Und dann sind da noch das Mädchen aus Srebrenica, deren Mutter zurückmusste, um die Leiche ihres Mannes zu identifizieren, und der Junge, der aus dem Libanon geflohen ist. Wer mit sieben Jahren schon solche Dinge erlebt hat, kann sich manchmal schwer konzentrieren aufs Rechnen in zwei Schritten.

Dennis ist also wichtig für die Klasse. Das sagt die Lehrerin, und das sagt seine Mutter. Aber ist die Klasse auch wichtig für Dennis? Würde er nicht auf einer Schule in einem bürgerlichen Viertel besser auf seine Zukunft vorbereitet werden? Macht es ihm seine Mutter mit ihrer Entscheidung nicht unnötig schwer?

„Wenn ich eine Tochter hätte, die zimperlich wäre“, sagt die Lehrerin, „dann hätte ich Angst, dass sie hier untergeht.“ Aber Dennis lasse sich nichts gefallen. Im Gegenteil, er sei sogar als Schiedsrichter anerkannt.

Entscheidend sei, dass die Klassen gemischt sind, meint ein anderer Lehrer. Wären die türkischen Kinder in der Mehrheit, dann fühlten sich die deutschen Kinder einsam – dann sei Deutsch nicht mehr die verbindende Sprache. Aber Mirjam aus Polen, Pasqualina aus Griechenland und Dennis sind eben auf Deutsch angewiesen, wenn sie miteinander sprechen wollen. Wichtig sei auch, alle da abzuholen, wo sie stehen. „Differenzierter Unterricht“ – so nennen Pädagogen das Konzept. An der E.-O.-Plauen-Schule ist es seit Jahren gang und gäbe. Dennis’ Lehrerin hat für jeden die passenden Aufgaben parat: Dennis multipliziert 7 mit 13, während andere noch 6 mal 4 rechnen. So ähnlich muss es früher in den Dorfschulen zugegangen sein.

Die Kinder lernten hier schnell, sich selbstständig etwas anzueignen, sagt die Lehrerin. „Auf die Unterstützung der Eltern können wir nicht warten.

Dennis’ Mutter glaubt, dass der Umgang mit Kindern aus so vielen verschiedenen Welten sachliche Defizite sowieso wett mache. Aber manchmal ist dieses „interkulturelle Training“ auch anstrengend. Es ist zwölf Uhr, der Unterricht ist zu Ende. Dennis wartet auf seinen Freund Yasin, der noch mit einem Jungen streitet, der ihn gerade provoziert hat. „Ist doch egal, komm endlich“, sagt Dennis und sieht ein bisschen müde aus.

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