Zeitung Heute : Klezmer und Kuhglocken

Neue Schweizer Volksmusik: SULP besingen (nicht nur) ihre Heimat und machen hellhörig

Christine Lemke-Matwey
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Die Drei aus dem Dreiländereck. Der Saxophonist Matthias Gubler, die Akkordeon-Spielerin und Sängerin Heidi Gürtler und der...

Musik, das ist im 21. Jahrhundert alles und nichts: Klassik und Schlager, Pop, Rock, Jazz, Klezmer, Hipp Hopp und vieles mehr. Neue Musik hingegen steht im Ruf, fast immer anstrengend zu sein. Schräge Töne, die in den Ohren schmerzen, komplizierte Strukturen, Botschaften aus dem intellektuellen Elfenbeinturm, die keiner versteht (um nur die drei übelsten Klischees zu nennen).

Zweiter Anlauf, zweiter Versuch. Bei Volksmusik denkt wahrscheinlich jeder an den Musikantenstadl und seine unverwüstlichen Mattscheibenbewohner, an Dirndlpracht und fesche Burschen und an Lieder von Alpenglühen und ewiger Treue. Und woran denkt man bei Neuer Volksmusik? Hm, schwierig. An schräge Schlager vielleicht à la Stefan Raab oder Guildo Horn? An kritische Dekonstruktionen unseres traditionellen Liedguts? So richtig vorstellen will man sich weder das eine noch das andere.

Bei unseren eidgenössischen Nachbarn verhält sich das ganz anders. Prompt ist ihnen ein Begriff wie Neue Volksmusik auch wohl vertraut. Die Antwort liegt und findet sich, wie so vieles, in der Natur. Das kleine Land besteht bekanntermaßen aus Tälern und aus Höhen, das heißt, die Höhen umstellen die Täler, was dazu führt, dass deren Bewohner dieselben nicht so ohne weiteres verlassen können. Die Folge: Man hat dort für seine kulturelle Grundversorgung selbst aufzukommen und einzustehen. Und tut dies auch mit viel Leidenschaft und Fantasie, seit Jahrhunderten.

Das eigenbrötlerische Potenzial der Schweizer Kultur im Allgemeinen darf also nicht unterschätzt werden (und auch dessen Kehrseite nicht, mit verordneter, „fremder“ Hochkultur nämlich tut man sich hierzulande eher schwer). Wiewohl viele Künstler irgendwann den Weg herausfinden aus ihren Heimattälern und sich in den Städten des Landes ansiedeln oder in der großen weiten Welt, bleibt der Bezug zu dieser Herkunft, zu diesen Wurzeln oft lebenslang virulent. Und zwar auch und gerade dann, wenn sie diese Enge einst als beengend und einengend erfahren haben.

Das Basler Trio SULP steht prototypisch für diese Mentalität. Das fängt bei seinem ausgesprochen merkwürdigen Namen an: Hinter SULP nämlich verbirgt sich das zweisprachig zusammengesetzte, nahezu unübersetzbare Substantiv-Ungetüm „SwissUrbanLändlerPassion“: eine ebenso schweizerische wie (groß)-städtische Leidenschaft für das Spielen, Singen und Tanzen traditioneller Ländler. SULP, so heißt es in einer Selbstauskunft der drei Musiker, „rühren das, was ihnen an der Ländlermusik gefällt, das urchig Schweizerische, tüchtig um. Lüpfige Rhythmen und standfeste Dreiklänge, lustige, sentimentale oder sperrige Melodien, gradlinige Tanzmusik und virtuose Verspieltheit improvisieren sie zu urbanen Klangbildern. Sie musizieren damit von der Kuhweide in den Feierabendstau – und wieder zurück zu Cheeseburger und Älplermagronen.“

Nun lässt sich in solch typischer Musiker-Poesie viel behaupten. Wie SULP wirklich klingen? Schon ziemlich schräg und frech. Man ahnt den volksmusikalischen, immer musikantischen Bodensatz der Arrangements – und kriegt ihn doch kaum zu fassen. Weil sich etwas über diese Musik legt, eine Art Firnis oder Film, in dem sich der Rest der Welt sozusagen akustisch widerspiegelt: Das Heute mit seinem ganzen Lärm (auch in der Schweiz!), die ungeheure Geräuschhaftigkeit unseres Lebens in den Ballungszentren, die wir als solche normalerweise kaum mehr wahrnehmen.

SULP machen also im wahrsten Wortsinn hellhörig, sie machen die Differenz erfahrbar zwischen dem Verschütteten, Vergessenen, „Urchigen“ (= Urigen) ihrer Kultur einerseits und der ach so präsenten Oberfläche der Realität andererseits. Aber sie machen auch hellsichtig. Denn mit bravem Musizieren ist es bei den Dreien nicht getan. Ganz im Gegenteil. Man klicke nur einmal ihre Homepage an (www.sulp.ch) oder studiere auf Youtube ihre diversen Performances. Am sinnfälligsten vielleicht: Ihr Auftritt in einem Basler Recyclingpark. Da hocken sie zwischen all dem, was die moderne Gesellschaft als wiederverwertbar erachtet (Ballen von Plastik, Papier, Metall), machen ihre lustig ländlernde Musik für Sopransaxophon, Akkordeon, Alphorn und Stimme, natürlich jodelt es mittendrin auch kräftig – und in gemessener Entfernung steht einer in Tracht und schwenkt nach Muskelkräften eine Schweizer Fahne. Draußen übrigens regnet es an diesem Tag.

Was diese Versuchsanordnung besagt? Die Schweiz ist überall, auch und gerade da, wo man sie nicht vermutet, weil einem die Postkarte fehlt, jenes ach so typische Schoggi-und-Chäs-Idyll. Und: Die Schweiz wandelt sich, erneuert sich permanent aus sich selbst heraus. Ein mutiges Statement.

Sopransaxophon, Akkordeon und Alphorn, das sind bei SULP Matthias Gubler, Heidi Gürtler und Hannes Fankhauser. Zueinander gefunden haben sie im Basler Dreiländereck. Gubler tritt mit der renommierten Basel Sinfonietta gelegentlich auch ganz klassisch auf und leitet an der Basler Musikschule die Musicool Bigband. Gürtler, „s’Heidi“, ist in einer Trachtengruppe groß geworden und hat sich später intensiv mit südamerikanischer Folklore beschäftigt. Und Fankhauser schließlich, der Alphornist, kommt aus dem Emmental und spielt auch Tuba und Kontrabass.

Grenzen kennen SULP nicht, keine stilistischen, keine geografischen und erst Recht keine geschmacklichen. Zwischen Klezmer, Blues, Kuhglockengeläut und Schnulzigem à la Jan Garbarek ist alles möglich – und auch nötig. „Solche Klänge“, schreibt die ehrwürdige Basler Zeitung, „lässt man sich im Festzelt der Links-Alternativen zum Bier wohl gerne gefallen.“ Das wiederum dürfte eine sehr Schweizerische Sicht der Dinge und der Musik sein.

Radialsystem V, 3. und 4. August, jeweils 18.30 Uhr, 5. August, 22 Uhr

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