Klinikführer : Einfacher, nicht leichter

Plötzlich gibt es immer mehr Klinikführer in Deutschland, in denen sich alles nachlesen lässt. Alle diese Projekte für mehr Durchblick, Einblick gehen allerdings nicht auf das Gremium zurück, das an oberster Stelle für Qualitätssicherung im Gesundheitswesen zuständig ist.

Ingo Bach

Ist das schon der Dammbruch, den manche fürchten, die meisten aber wollen? Plötzlich gibt es immer mehr Klinikführer in Deutschland, in denen sich alles nachlesen lässt, auch, wie häufig eine Operation schiefging oder ob sich Patienten infizierten. Neben dem Klinikführer Rhein-Ruhr war der 2006 erstmals (und jetzt zum zweiten Mal) erschienene Berliner Klinikvergleich von Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin auf diesem Feld ein – von der Stiftung Warentest prämierter – Trendsetter. Hamburg und Bremen folgten. Eine private Klinikkette legte einen Qualitätsvergleich für alle ihre Häuser im Bundesgebiet vor, und nun regen sich auch die Krankenkassen, die die Versicherten nach der Zufriedenheit mit dem Klinikaufenthalt befragen. Die Patienten danken es mit großem Interesse. Sie wollen wissen, wie gut das Krankenhaus um die Ecke Hüften operiert oder Gallenblasen. Und sie haben ein Recht darauf, schließlich sind sie es, die zahlen – und dafür bisher oft wenig mehr als den Namen der Klinik kannten.

Es ist auffällig: Alle diese Projekte für mehr Durchblick, Einblick gehen nicht auf das Gremium zurück, das an oberster Stelle für Qualitätssicherung im Gesundheitswesen zuständig ist – der Gemeinsame Bundesausschuss der Kliniken, Ärzte und Krankenkassen. In Sachen Transparenz ist er Getriebener, nicht Treibender. Erst jetzt, nachdem in vielen Regionen Kliniken – meist mit Kooperationspartnern wie in Berlin – ihre Qualitätsdaten freiwillig herausgaben, hat sich die Selbstverwaltung zu einer Veröffentlichungspflicht durchgerungen. Ende dieses Jahres müssen die Krankenhäuser ihre Qualitätsdaten offenlegen.

Für die Patienten wird es durch diesen Prozess einfacher, Informationen über eine Klinik zu erhalten – leichter wird es für sie nicht. Denn Heilen oder Lindern sind vielschichtige Anforderungen. Jeder Patient muss selbst entscheiden, welche Kriterien ihm die wichtigsten sind: Hohe Fallzahlen, weil die Klinik viel Erfahrung hat? Geringe Infektions- und Komplikationsraten? Hohes Renommee bei den einweisenden Ärzten? Patientenzufriedenheit mit den Klinikdoktoren oder -zimmern? Weil das vielschichtig ist, sind es die Ergebnistabellen von Klinikvergleichen in aller Regel auch. Balkendiagramme, Zahlen, Erläuterungen. Wäre hier ein Ranking der zehn oder hundert besten Krankenhäuser nicht die beste Hilfe? Jeder würde so etwas lesen wollen. Doch bietet das die nötige Information? Jeder Patient muss nach den Kriterien, die für seine Krankheit und Lebensumstände die entscheidenden sind, eine ganz subjektive Rangliste aufstellen. Dieses individuelle Gewichten kann ihm kein Klinikführer abnehmen, sondern nur dabei helfen. Am besten: die Fülle der Informationen, die die Tabellen bieten, in die Hand nehmen, mit dem Arzt besprechen und dann mündig entscheiden. Selbst wenn es kompliziert ist. Vor jedem Autokauf werden schließlich auch Tabellen mit Zahlen zum Verbrauch, zu Höchstgeschwindigkeit oder Kofferraumgröße studiert – die Gesundheit sollte uns ebenso viel Mühe wert sein.

Vielschichtig heißt übrigens auch, dass Behandlung nicht allein im Krankenhaus stattfindet. Der niedergelassene Arzt oder die Reha-Klinik müssen sich dem Qualitätsvergleich ebenso stellen dürfen. Der Gemeinsame Bundesausschuss ist aufs Neue dabei, eine Chance zu verpassen, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Er will zwar endlich eine sektorübergreifende Qualitätssicherung – also Hausarzt, Klinik, Reha – etablieren. Doch ehe dieses Projekt erste Ergebnisse liefern kann, werden noch Jahre vergehen. Da werden wohl ein weiteres Mal regionale Initiativen den Anfang machen müssen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben