Zeitung Heute : Klinsmann hatte doch Recht!

Vor der WM gehörte Günter Netzer zu den Kritikern des Bundestrainers. Doch die Spiele der deutschen Mannschaft haben ihn eines Besseren belehrt. Jetzt findet Netzer sogar: Die Nationalelf zeigt den großen Fußballnationen den Weg zum Ziel. Hier ist sein persönliches WM-Resümee

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Es ist eingetreten, was viele erwartet haben, was ich erwartet habe: Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 war das größte organisierte Ereignis, das Deutschland jemals erlebt hat. Wenn ich sage organisiertes Ereignis, dann nur, um es abzugrenzen vom Fall der Mauer, nicht, um die WM als Kunstprodukt erscheinen zu lassen. Was für ein Fest, was für eine Freude, welch eine Spontanität! Und davon wird etwas bleiben. Ich will nicht so weit gehen und nun einen wirtschaftlichen Aufschwung im Land zu propagieren, aber die gute Laune wird so schnell nicht vergehen, und das tolle Bild, das Deutschland von sich abgegeben hat, wird auch im Ausland so schnell nicht verblassen. Und es ist mehr als müßig, darüber nachzudenken, was denn gewesen wäre, wenn sich das Wetter nicht so überaus verschwenderisch und gönnerhaft gezeigt hätte. Es hat eben alles gepasst. Die Sonne hat gelacht über ein lachendes Deutschland. Stimmungsmäßig hat es eine schönere Weltmeisterschaft bisher nicht gegeben, nicht mal die italienische von 1990 mit ihren magischen Nächten ist damit vergleichbar.

Und diese Atmosphäre wird auch vergessen machen, dass diese Weltmeisterschaft sportlich doch sehr normal verlief, nichts Herausragendes hervorbrachte und nichts, was für die Ewigkeit bleibt. Es war eher das Gegenteil der Fall: Das respektvolle Taktieren hat den Mut zur Offensive verdrängt. Und da, wo respektvolles Taktieren eigentlich nicht nötig wäre, bei den Brasilianern nämlich, ist Tanz und Kunst und Spiel von Arroganz erschlagen worden. Das war die größte Enttäuschung, dass Brasilien an der eigenen Überheblichkeit erstickt ist, dass es dafür bestraft wurde, ist immerhin tröstlich.

Die Zukunft des Fußballs aber muss anders aussehen. Temporeiches offensives Spiel, wie es im Vereinsfußball zum Beispiel der FC Barcelona vorbildlich vorführt, muss das angestrebte Ziel sein. Spiele, die im Grunde erst dann anfangen, wenn ein Tor gefallen ist, haben wir zu viele bei dieser WM gesehen.

Aber was wir eben auch gesehen haben, ist, dass wir Deutschen wieder mithalten können mit den Großen, mehr noch, wir zeigen den Weg zum Ziel. Ich gebe zu, ich gehörte zu den, sagen wir, verhaltenen Skeptikern, die Sturm und Drang von Jürgen Klinsmann nicht von vornherein für gut empfunden haben. Ich habe nichts gegen außergewöhnliche Dinge und Neuerungen, ich war mir nur bei manchen Maßnahmen nicht sicher, ob sie Sinn machen. Ich habe mich eines Besseren belehren lassen. Jürgen Klinsmann hatte ein Ziel, und das hat er verfolgt, er hat sich nicht beirren lassen von Kritikern wie mir, er hat sein Ziel erreicht, und das nötigt mir Bewunderung und Respekt ab. Dass diese junge Mannschaft Teamgeist braucht, das war klar, dass Klinsmann es schaffte, diesen Teamgeist nicht nur mit kämpferischen Tugenden, sondern auch mit viel Freude und spielerischer Lust zu füllen, das ist die größte Hochachtung wert.

Und da wächst eine neue Generation von Spielern heran. Das sind sehr normale Jungs, bei denen man das Gefühl hat, dass sie trotz ihrer Jugend auch das normale Leben kennen. Da wirkt nichts abgehoben oder abgeschottet, das kann der Anfang für einen grandiosen Weg sein. Es muss natürlich noch mehr Format in diese Mannschaft, sie braucht auch noch mehr Gesichter, Persönlichkeiten, die herausragen und führen. Michael Ballack allein reicht nicht. Der hat sich hingebungsvoll geopfert, um die Abwehr zu stabilisieren, aber kam auch deswegen nicht dazu, seine spektakuläreren Aktionen als torgefährlichster Mittelfeldspieler der Welt einzuleiten. Aber das sind nur Korrekturen, die nicht unmöglich sind. Ich hoffe auch, dass sie mit Jürgen Klinsmann durchgeführt werden, aber ich kann wirklich nicht einschätzen, wie er sich entscheiden wird. Er lässt sich ja nun bekanntlich nicht unter Druck setzen.

Gewonnen hat er so oder so. Und wir mit ihm. Der deutsche Fußball ist wieder glaubwürdig, er wird nicht mehr belächelt von den Gegnern, er wird respektiert. Das ist fast schon wie der Titelgewinn. Es war eine grandiose Weltmeisterschaft.

Aufgezeichnet von Helmut Schümann. Der Tagesspiegel-Redakteur hat mit Günter Netzer dessen Autobiografie „Aus der Tiefe des Raumes“ (Rowohlt) verfasst.

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