Zeitung Heute : Klippen auf dem Weg zum Liebesglück

Elisabeth Binder

Viele Singles in Berlin genießen die Reibungslosigkeit des Seins und verlieren dabei das Gefühl von Nähe und Gemeinsamkeit - aber für das Glück zu zweit ist es nie zu spätElisabeth Binder

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Ost- und West-Berlin waren 28 Jahre lang Singles

Frage:
Wo trafen Sie sich wieder

Nennen Sie den Grenzübergang, der in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 zuerst geöffnet wurde

Was einen einzelnen Menschen so alles zur Weißglut bringen kann: Die Zahnpastatube ist nicht vom Ende, sondern von der Mitte her ausgedrückt. Im Kühlschrank fehlt der Lieblingssaft, der gestern noch da war. Schließlich wird man auch noch gefragt, wieso denn ein Brief von Y im Kasten lag. Und warum man eine Stunde früher nach Hause gekommen ist als sonst.Dann schon lieber Single bleiben. Tun und lassen, was man will. Nie gefragt werden, nie antworten müssen. Den Egoismus richtig ausleben. Und die Macken, die sich im Laufe eines Lebens so einschleifen, die natürlich nicht zu vergessen. Je älter die Menschen werden, desto eigenwilliger werden sie auch, hat der Psychoanalytiker Erwin Kaiser beobachtet. Das ist zunächst einmal unabhängig davon, ob einer Single ist oder nicht. Eigentlich geht es dem Einzelwesen heute besser als je zuvor, seine Vorgänger, die alte Jungfer und der verknöcherte Junggeselle, waren ja eher traurige bis komische Figuren. Es gibt vor allem zwei Ursachen, die Menschen dazu zu bringen, die Last des Alleinseins auf Dauer freiwillig zu ertragen: Die Angst vor Enttäuschung und Verlassenwerden.Und, wichtiger noch: eine gewisse Reibungslosigkeit des Seins, ein Leben ohne Konflikte und Machtkämpfe, wie sie in Partnerschaften nun einmal vorkommen. Der Gewinn des ewigen Einzelkämpfers: Er kann für immer von einem idealen Partner träumen, ohne einen wirklichen Menschen an diesen Träumen messen zu müssen. Er kann zu jeder Zeit tun, was er mag, ohne darüber Rechenschaft ablegen zu müssen. Alle Kapazitäten, die er für Machtkämpfe hat, kann er aufs Berufsleben konzentrieren. Dafür gibt er einiges auf: gemeinsame Erinnerungen, die Möglichkeit, den eigenen Klingelknopf zu benützen und in ein warmes Zuhause zu kommen, die leichte Erreichbarkeit von Gesprächen und Gemeinschaft.Früher waren gesellschaftliche Normen und Religion ausschlaggebend dafür, wie einer sein Leben lebte. Das brachte oft Unglück mit sich, wenn zwei, die gar nicht miteinander konnten, doch zusammenbleiben mussten. Obwohl der Psychoanalytiker davor warnt, einen fortwährenden Single-Status allein schon als Krankheit zu betrachten, leiden nach seiner Beobachtung Singles oft an Einsamkeit und daraus folgenden Depressionen. Traumatisierende Erlebnisse können nach Erwin Kaisers Erfahrung einen eigentlich partnerschaftfähigen Menschen zum immerwährenden Single-Leben verleiten. Eine Ursache für das notorische Single-Leben fand er bei einem Mann, der ein Don-Juan-Leben führte mit vielen wechselnden Partnerinnen. Sein gutes Aussehen half ihm dabei. Tatsächlich war er von seiner Mutter gleichzeitig verwöhnt und frustriert worden, wollte sich stellvertretend an ihr rächen und zusätzlich seinem Vater, den er als Rivalen empfand, zeigen, dass er, der Sohn, nun wirklich jede Frau haben kann.Hindernisse können sich aber bereits viel weiter an der Oberfläche ansammeln. "Man wird schrullig, wenn man keinen Spiegel hat", sagt der Münchener Psychologe und Autor Stephan Lermer. Glücklicherweise verfügt der normale Mensch über "einen Freundeskreis, der darauf aufmerksam macht, wenn die Socken zu kurz sind und die Ausstrahlung zu unerotisch wirkt". Es gibt nach seiner Erfahrung drei Gruppen von Singles. Die kleinste ist die mit dem gängigsten Image: die hedonistischen Sportwagen-Fahrer, die sich eine Blondine nach der anderen ins Bett holen. Dann gibt es die große Gruppe der vorübergehenden Singles zwischen zwei Partnerschaften. Denen rät er geradezu zu einer Phase der Selbstfindung. Und schließlich gibt es die Singles wider Willen. Sie sind "zu alt, zu arm oder zu hässlich, um einen Partner zu finden". Manche sind einfach zu scheu, jemanden anzusprechen, andere trauen sich allein nicht in die Öffentlichkeit. Oder aber der Betroffene hat so viel Zeit mit sich verbracht, dass er den anderen als störend empfindet, leidet also unter einer "typischen Deformation des Einzelgängers". Ein bis zehn Sitzungen reichen nach Lermers Erfahrung aus, um aus einem verknöcherten Einzelgänger wieder einen partnerschaftsfähigen Menschen zu machen. Dafür hat er allerlei Hilfsmittel, Video-Feedback zum Beispiel. Manchmal schickt er seine Patienten auch zum Visagisten oder zum Designberater.Und wann geht es gar nicht mehr? Die Unvermittelbaren kann Lermer ohne Mühe beschreiben. Sie sind "hässlich, unintelligent, arm, uncharmant, rundum beschränkt und haben in aller Regel eine riesige Erwartungshaltung an den künftigen Partner". Charisma und Charme lassen sich auch mit fachlicher Hilfe kaum entwickeln. In seinem Buch "Liebe und Angst" beschreibt Lermer die sieben Schritte, die zu einer erfolgreichen Partnerschaft führen. Wenn man die Botschaft rüberbringt, "Ich mag mich", dann ist die Chance groß, dass andere einen auch mögen. Ansonsten geht es den Einzelgängern nicht anders als den Alkoholikern: Erst wenn der Leidensdruck unerträglich wird, wird der Betroffene in die Lage versetzt, seinen Lebensstil grundlegend zu ändern.Es gibt allerdings gesellschaftliche Tendenzen, die solche Veränderungen erschweren. Nicht alles Singletum lässt sich auf äußere Defizite zurückführen. Der Psychotherapeut Thomas Kornbichler sieht im wachsenden Narzissmus ein grundlegendes Problem: "Eine psychische Störung ist im Grunde eine Störung der Fähigkeit, sich mit anderen gefühlvoll in eine Beziehung zu setzen." Ein eingefleischter Single, der unter seiner Situation wirklich leidet, zum Beispiel an psychosomatischen Erkrankungen, kann auf jeden Fall Hilfe finden, sagt der Autor des Buches "Wann hilft eine Psychotherapie". Fragen wie "Bin ich liebenswert?" oder "Bin ich liebesfähig" können, wenn sie unter fachlicher Anleitung besprochen werden, unter Umständen zu ganz anderen Ergebnissen führen, als wenn man sie nur aus der eigenen Perspektive betrachtet. Der Narzisst duldet in einer Beziehung nur einen Star - sich selbst. Der Partner hat das Publikum zu sein. Unter Umständen wundert er sich, warum er immer wieder verlassen wird, warum es nie zu einer längeren Partnerschaft kommt. Im Grunde liegt das an der Unfähigkeit oder dem Unwillen zu Kompromissen.Wobei auch Kornbichler darauf hinweist, dass nichts Krankhaftes daran ist, wenn jemand entschlossen ist, als Single zu leben. Im Grunde manifestiere sich darin auch "die Fähigkeit zur Autonomie". Die steht im deutlichen Gegensatz zur pathologischen Abhängigkeit, die viele Menschen von einer unglücklichen Beziehung in die nächste treibt. Kornbichler hat eine "Theorie der Planwirtschaft" entwickelt, um die Probleme aufzuzeigen, die einer Partnerschaft im Wege stehen: "Wir haben viel zu fixe Planungen, wie ein Partner sein soll."Die basieren unter Umständen auf tradierten Familiengewohnheiten und lassen sich in ganz schlichten Begriffen, wie "Sauberkeit", "Ordnung" oder auch "Sparsamkeit" zusammenfassen. Der eine rastet aus, wenn er einen Stapel Bücher auf dem Boden sieht, der andere fängt erst dann an, die Welt gemütlich zu finden. Der eine dreht jeden Pfennig dreimal um, der andere genießt das Leben in fröhlicher Verschwendung. Auch Aberglauben steht dem Glück oft im Weg. Da hat einer den idealen Partner gefunden, dann hat der aber das Sternzeichen Skorpion und der Astrologe hat gesagt, das könne nicht gut gehen. Dann gibt es noch die Menschen, die einfach keine Zeit (und/oder Geduld) für einen anderen haben, weil sie viel zu leistungsorientiert sind. Das waren früher vor allem Männer, aber inzwischen leisten ihnen die Powerfrauen Gesellschaft. "Verhandlungskompetenz" ist bei der Partnersuche inzwischen eine hochgefragte Eigenschaft, die einen eheerfahrenen Partner unter Umständen attraktiver erscheinen lässt als einen, der in dieser Hinsicht noch jungfräulich ist. Was Kornbichler besonders unverständlich findet: "In der Schule spricht man überhaupt nicht über solche Dinge." Dabei wäre das Thema, wie man eine Beziehung gestaltet, an die Spitze der Agenda des Lebenskundeunterrichts zu setzen. "Das", ist der Psychotherapeut überzeugt, "würde manches Problem lösen".Stimmt wahrscheinlich: Wer schon in jungen Jahren die Klippen auswendig gelernt hat, die auf ihn warten, wird später keine falsch gedrückte Zahnpastatube zwischen sich und sein Zweierglück kommen lassen. Die bisherigen Aufgaben An einem Haus, in dem Regisseur Ernst Lubitsch seine Kindheit in Berlin verbrachte, ist eine Gedenktafel für ihn angebracht. Nennen Sie die Adresse. Nennen Sie das Lieblingsgetränk im Single-Treff Café Keese.

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