Zeitung Heute : Kneipensport

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

Seit Tagen stinkt es nach Rotwein bei uns im Büro. Ich bin Schuld. Nicht dass ich hier dauernd saufen würde. Mein großes Sportlerherz ist das Problem: Selbst wenn der Berliner Eiswind tobt, lasse ich mein Fahrrad nie zu Hause.

Ich bin „fit wie ein Turnschuh“, wie wir Basler sagen, und bei Glatteis lande ich regelmäßig auf der Schnauze. Fürs neue Jahr habe ich mir daher geschworen, keine Weinflaschen mehr im Büro-Rucksack zu transportieren. Fast alle meine Bücher und Notizblöcke haben schon dunkelrote Flecken.

Manchmal denke ich gar, ich sollte mich sportlich neu orientieren. Der Schweizer Nationalsport ist schließlich nicht das Radfahren auf Glatteis, sondern das Jassen: Ein Kneipensport, ähnlich wie Skat. Aber eben nur ein bisschen ähnlich. Beim Jassen gibt es den „Slalom“. Da darf man nur jeden zweiten Stich machen. Dafür fällt das Reizen weg.

Oder war es umgekehrt? Wahrscheinlich bin ich zu oft umgezogen: In Österreich etwa kam ich früh mit dem Spiel „Hosen owi!“ (Hosen runter!) in Kontakt. Hosen owi! geht ein bisschen wie das deutsche „17 und 4“. Aber eben nur ein bisschen. Immerhin habe ich mich beim Skat-Spielen in Berlin bisher noch nie versehentlich ausgezogen.

Neulich entdeckte ich ein Inserat für die „Jaccolympics“: Eine faszinierende Kneipen-Olympiade mit lauter völlig neuen Sportarten, ganz ohne Jasskarten und Fahrräder. Mit meinem Basler Schulfreund Aelle, der gerade zu Besuch war, habe ich mich sofort angemeldet. Aelle ist auch ein großer Sportsfreund. Er arbeitet in einer PR-Agentur, und kommt am liebsten in Eishockey-Hemd, Trainingshose und mit Aktenkoffer ins Büro. So jemand lässt sich nicht beeindrucken, nur weil eine Idee zufällig aus Berlin stammt. „Rapido“, eine der Disziplinen bei den Jaccolympics, musterte er äußerst skeptisch. Man spielt dabei an einer Art Kicker mit nur zwei Männlein pro Team. Diese Männlein fungieren abwechselnd als Torhüter und Feldspieler.

Aelles Urteil war vernichtend: "E bizzli wäbschtüblermäßig" (ein bisschen webstüblermäßig). „Wäbschtübler“, muss man wissen, sind die Ostfriesen der Basler. Der Ausdruck kommt daher, dass Basler mit kognitiven Schwächen früher in geschützten Webstuben tätig waren. Inzwischen werden aber die meisten zur „Basler Zeitung“ gewechselt haben.

Das „New Age Curling“ (ganz ohne Eis und Besen) gefiel Aelle besser. Und auch „Via Maxima“ hat es ihm angetan: Ein schräg gestelltes Holzbrett mit Löchern drin. Durch das Ziehen an zwei Schnüren muss man in fünf Minuten möglichst viele Murmeln an den Löchern vorbei bis ganz nach oben transportieren. Wow!

Unterm Strich können wir den Jaccolympics ein positives Zeugnis ausstellen: Rapido, Via Maxima und New Age Curling sind intellektuell weniger anspruchsvoll als Jassen oder Hosen owi!. Die Verletzungsgefahr ist geringer als beim Radeln auf Glatteis. Man friert nicht so. Und Weinflaschen gehen nur ganz selten zu Bruch!

Nächste Jaccolympics: 9. Januar, Brauhaus Rixdorf, Glasgowerstr. 27, Neukölln; 23. Januar, brennBar, Axel-Springer-Str. 40/41, Kreuzberg. Beginn: 19 Uhr. Telefon 78 006 400, Internet: www.jacco.info

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