Zeitung Heute : "Knochenjob" für Idealisten

REGINA KÖTHE

Physiotherapeuten helfen kranken und verletzten Menschen, ihre Bewegungsfähigkeit wieder zu verbessern.Sie können Kinder mit neuromuskulären Störungen behandeln oder die Leistungsfähigkeit von Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Atemproblemen durch ihre Behandlung erhöhen.Die Vielfältigkeit der Arbeitsmethoden und Anwendungsgebiete macht den Beruf trotz geringer Verdienstmöglichkeiten und hoher Arbeitsbelastungen attraktiv.

Erst Ende des letzten Jahrhunderts hat sich das Berufsbild des Krankengymnasten und Physiotherapeuten, der in Deutschland vor allem von Frauen ausgeübt wird, entwickelt: Für die Kriegsverletzten ebenso wie die Opfer von Arbeitsunfällen in den Fabriken brauchte man medizinisches Fachpersonal, das diese Patienten behandeln konnte.Die Berufsbezeichnung "Krankengymnast", die sich in West-Berlin und der BRD eingebürgert hatte, wurde mit dem Berufsgesetz von 1994 durch die international und auch in der ehemaligen DDR übliche Bezeichnung "Physiotherapeut" ersetzt.

Physiotherapeuten arbeiten am Körper des Patienten.Für ihre Arbeit müssen sie gesund, körperlich fit und und emotional belastbar sein.Der Berufsalltag hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert.Waren früher viele Physiotherapeuten in Kliniken beschäftigt, nimmt die Zahl der Arbeitsplätze in Krankenhäusern und im öffentlichen Dienst durch die Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen kontinuierlich ab.Ein Arbeitsvertrag in einer Klinik gilt inzwischen als "Sechser im Lotto".

In Berlin sind 2500 Personen im Landesverband der Physiotherapeuten (ZVK) organisiert, 600 davon haben sich mit einer eigenen Praxis niedergelassen.Und jedes Jahr drängen zirka dreihundert Absolventen auf den Berliner Arbeitsmarkt.Die Zahl der freiberuflichen und teilselbständigen Physiotherapeuten nimmt stetig zu.Die Vergütungen und Honorare sehen ganz unterschiedlich aus: Wer eine Praxis eröffnet, arbeitet in die eigene Tasche, wer Angestellter oder freier Mitarbeiter ist, muß verhandeln.Generell gilt, Physiotherapeuten arbeiten viel und verdienen wenig.Freie Mitarbeiter, die quasi nur den Raum in einer Praxis mieten, bekommen durchschnittlich 60 bis 70 Prozent ihrer Einnahmen als Honorare.Doch in einzelnen Fällen liegen die Honorare auch weit unter diesem Bereich.Besonders Berufsanfänger sind erpreßbar, um die notwendige Berufspraxis zu erhalten.

Viel Zeit und Geld müssen zusätzlich in die Fort- und Weiterbildung investiert werden.Denn der Beruf des Physiotherapeuten verlangt kontinuierliche Fortbildung, das betont auch der Berufsverband (ZKV).Nach der dreijährigen Ausbildung haben die Absolventen zwar fundierte medizinische Kenntnisse und durch ein Berufspraktikum Erfahrung im Umgang mit Patienten, doch die einzelnen physiotherapeutischen Verfahren müssen vertieft werden, wenn man sich im Berufsleben etablieren will.Ob manuelle Therapie, PNF, Vojter, Bobarth oder Osteopathie, Fortbildungen gehören zum Berufsalltag.Diana Hofbauer hat sich beispielsweise nach ihrer Ausbildung auf die Arbeit mit Kindern spezialisiert und eine Fortbildung in der Vojta-Methode gemacht.Sie behandelt vor allem Babys und Kleinkinder, bei denen Funktionsstörungen festgestellt wurden.Für die Weiterbildung, die sich auf Blockunterricht über ein Jahr verteilte, hat sie 4500 Mark bezahlt.Für Barbara Werbeck, Leiterin der Schule für Physiotherapie an der orthopädischen Uniklinik in Heidelberg liegt die Zukunft in den Bereichen Geriatrie und Prävention.Aufgrund der Alterspyramide wird der Behandlungs- und Versorgungsbedarf alter Menschen in den nächsten Jahren wohl weiter zunehmen.Hier sind Fachkräfte gesucht, die mit den vielschichtigen Leiden alter Patienten qualifiziert umgehen können.

Durch die Kürzungen bei den kassenärztlichen Verordnungen haben die physiotherapeutischen Praxen Umsatzeinbußen von zehn bis fünfzehn Prozent zu verzeichnen.Allein von den kassenärztlichen Verordnungen, das heißt den von Ärzten verschriebenen Rezepten, werden sich Physiotherapeuten in Zukunft kaum ernähren können, meint John Elser, Vorstandsmitglied des Berliner ZVK.Sie müssen sich ihre Patienten und Klienten selbst suchen.

Der Patient wird Kunde, wobei der Ethos des Berufes nicht verlorengehen soll.Perspektiven sieht auch John Elser in der Prävention, also bei Kursen für Rückenschule und Atemgymnastik, in der Betreuung von Sportvereinen und und dem medizinisch ausgerichteten Fitneßbereich."Nicht Power wird das Wesentliche sein, sondern effiziente und funktionale Bewegung." Ein Beispiel dafür ist Gaby Lex, die zehn Jahre als freie Physiotherapeutin arbeitete.Sie eröffnete 1997 eine Praxis in Berlin-Mitte und bietet dort Shiatsu und Feldenkrais an.

Hier zahlen die Patienten die Behandlung selbst.Noch trägt sich die Praxis nicht vollständig, doch Gaby Lex ist zuversichtlich: "Ich glaube, daß die Patienten ein anderes Gesundheitsgefühl entwickeln und offener für neue Behandlungsmethoden werden."

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