Zeitung Heute : Kobra Ilie gelingt tödlicher Biß

LYON (sid).Mit dem "tödlichen Biß" hat Adrian Ilie Rumänien in einen Freudentaumel und Kolumbiens Fußball-Heroen in Angst versetzt.Der 24jährige, der wegen seiner Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor "Kobra" gerufen wird, gab mit seinem "goldenen Tor" zum 1:0-Endstand gegen die Südamerikaner die Initialzündung für ein großes Straßenfest in Bukarest mit mehr als 100 000 ausgelassen feiernden Fans.

Der "tödliche Biß" ("Gazeta Sporturilor") lähmte aber auch die kolumbianischen Fans in Lyon und die Menschen in Bogota, die mit Tränen der Enttäuschung in den Augen durch die Straßen irrten.Bereits vor vier Jahren, zum Start des WM-Abenteuers in den USA, hatten die Rumänen in ihrem ersten Gruppenspiel die Kolumbianer mit 3:1 in die Schranken gewiesen und damit eine Tragödie eingeleitet.

Verteidiger Andres Escobar, dem anschließend beim 1:2 gegen Gastgeber USA ein Eigentor unterlaufen war, wurde nach dem Vorrunden-K.o.der Kolumbianer kurz nach der Rückkehr in die Heimat von einem Fanatiker ermordert.Als Drahtzieher dieser Tat wurden die Bosse der gefürchteten Drogenkartelle in Medellin und Cali vermutet.

Beim ersten WM-Einsatz der Kolumbianer in Frankreich war Escobar allgegenwärtig.Im Stade Gerland von Lyon gedachten die kolumbianische Anhänger dem erschossenen Profi.Sein Konterfei war auf vielen T-Shirts und Postern verewigt.

"Wir versuchen, nicht an die Vergangenheit zu denken und uns hier nur auf den Fußball zu konzentrieren", wiegelte Kolumbiens Trainer Hernan Dario Gomez, der wegen der Nominierung von Victor Aristizabal ebenso wie der Spieler vor dem WM-Start anonyme Morddrohungen erhalten hatte, alle Fragen in diese Richtung ab.

Dennoch schwirrt das Trauma in den Köpfen der Spieler herum."Wir sind sehr traurig.Wir wollten unseren Familien und unseren Fans einen Sieg schenken", meinte Torwart Farid Mondragon.Ansonsten flüchteten sich alle Spieler in Durchhalteparolen."Wir haben ein wenig Pech gehabt.In der zweiten Halbzeit haben wir gut gespielt, darauf läßt sich aufbauen.Nun müssen wir Tunesien unbedingt besiegen", meinte Freddy Rincon, einer der wenigen Lichtblicke in Kolumbiens Team.

Dagegen stand sein Kapitän Carlos Valderrama völlig im Schatten seines ebenso exzentrischen Spielmacherkollegen Gheorghe Hagi.Die 36 Jahre alte Lichtgestalt des kolumbianischen Fußballs fiel nur noch durch seine blonde Löwenmähne auf, sein Bewegungsablauf glich dem einer Schnecke und seine Pässe schienen vom Zufallsgenerator bestimmt.

Ganz anders Hagi, der mit seinen 32 Jahren zwar auch einige Kunstpausen einlegte, bis zu seiner Auswechslung in der 76.Minute aber nicht nur durch die Einleitung des Siegtreffers überzeugte."Wir haben prima gespielt.Das Team ist mit der Mannschaft von 1994 vergleichbar, die in den USA ins Viertelfinale eingezogen ist.Es ist aber noch nichts entschieden, zumal wir nun mit England auf einen ganz unangenehmen Gegner treffen", sagte der rumänische Kapitän, bevor er liebevoll seine knapp dreijährigen Tochter Chira und seine erneut schwangere Ehefrau Marilena in die Arme schloß.

Unterdessen posierte der umjubelte Torschütze Ilie für Erinnerungsfotos der Fans, schrieb sich ohne Murren an Autogrammen die Finger wund."Ich war vor meinem ersten WM-Spiel total nervös.Das hat sich aber schnell gelegt.Nun bin ich der glücklichste Mensch der Welt", erklärte der Angreifer des FC Valencia.

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