Zeitung Heute : Kochs Rezept

Er kann tun, was er will: Den Ruf des Merkel-Konkurrenten hat er weg. Und das doppelt, wenn er am 2. Februar eine absolute Mehrheit einfährt. Das Erfolgsgeheimnis des hessischen Ministerpräsidenten: Wenn er redet, wird die Wirklichkeit überschaubar – rot oder schwarz, gut oder schlecht.

Robert Birnbaum

Ist das nicht der Markwort? Nee, das ist er nicht. Der Mann auf dem Fernsehschirm benimmt sich aber so wie der Mann in der „Focus“-Reklame, und auch sonst ist alles gleich: Schräge Kamerablicke, rasche Schnitte, ein Konferenzraum, Köpfe, Tempo, Tempo, Tempo. „Ich komme gerade aus Berlin“, sagt der Mann und geht schwungvoll auf einen leeren Sessel zu. „Unglaublich, was uns da an Wahlbetrug zugemutet wird!“ Nein, das ist wirklich nicht der „Focus“-Chef, es ist auch keine Reklame für das Magazin aus München. Das ist der Roland Koch.

Normalerweise lässt sich die hessische CDU nicht gern nachsagen, dass sie irgendwo abkupfert. Aber auf die Idee, für ihren Wahlkampf-Fernsehspot Helmut Markwort und seine Redaktionskonferenz durch ihren Ministerpräsidenten und das Landeskabinett zu ersetzen, sind sie ziemlich stolz. Sogar der Hauptdarsteller hat sein bübisches Jungengrinsen im Gesicht, als er sich selbst über die Monitore im Wahlkampfbus flimmern sieht. Na, da haben wir doch mal wieder was hingelegt, sagt das Gesicht.

Draußen vor den Fenstern flitzt gerade, wie es der Zufall will, auf großem Plakat der Konkurrent von der SPD vorbei. „Mehr Ehrlichkeit“ verspricht Gerhard Bökel. Das wird ihm nichts nutzen. Landespolitisch gibt es für die Hessen wenig Grund, den Amtsinhaber abzuwählen. Die Neuverschuldung ist hoch, aber das merkt man nicht, und sein Haupt-Wahlversprechen von 1998 – 1000 neue Lehrer – hat er alles in allem erfüllt. Wenn nicht ein Wunder passiert oder ein Krieg, dann ist die Wahl gelaufen. Die einzige Frage, die am 2.Februar noch interessiert, dürfte lauten: Kriegt Koch obendrein die absolute Mehrheit? Eine Frage übrigens, die in Wiesbaden die Gemüter weit weniger bewegt als in Berlin. „Wenn Koch durchmarschiert“, sagt ein CDU-Vorstandsmitglied, „dann wird es für Merkel ernst.“

Der Hoffnungsträger schweigt

Koch kennt das. Er kann hinkommen wo er will, sogar ins Vereinsheim des SV Buchonia Flieden im tiefschwarzen Kreis Fulda, wo die Frauen-Union am frühen Vormittag zum Wahlkampffrühstück angerückt ist – sogar da macht todsicher einer eine Anspielung. Diesmal der Landtagsabgeordnete Norbert Herr: Zu begrüßen, sagt der CDU-Platzhirsch, sei nicht nur der erfolgreiche Ministerpräsident, sondern auch der „Hoffnungsträger der Union in Deutschland“.

Der Hoffnungsträger sagt dazu nichts. Vor ein paar Wochen hat er, als er zum soundsovielten Mal die K-Frage serviert bekam, etwas gesagt: „Ich habe den Hessen nie angedroht, mein ganzes Leben lang Ministerpräsident sein zu wollen.“ Aber ihm ist rasch aufgegangen, dass das vielleicht doch etwas kühn ist für einen, der doch gerade als erster CDU-Ministerpräsident in der sozialdemokratisch dominierten Landesgeschichte im Amt bestätigt werden will. Seither erklärt er den Hessen, dass er für die nächsten fünf Jahre bleibe, außerdem aber die Wahl bitte nicht als gelaufen zu betrachten sei. Sicher, die Roten seien abgetaucht, bekennende Gerhard-Schröder-Wähler eine Rarität – aber am Wahltag werde sich mancher erinnern, „dass er der Oma noch auf dem Sterbebett geschworen hat, auf Lebenszeit SPD zu wählen“. Koch misstraut allzu guten Umfragen, nicht nur aus taktischen Motiven. SPD und CDU sind in Hessen oft gleich stark gewesen. Der Koalitionspartner FDP, vor vier Jahren mit ein paar Hundert Stimmen über die Fünf-Prozent-Hürde geschrammt, ist seiner selbst nicht sicher: „Wir bleiben knapp unter fünf oder wir kriegen acht Prozent“, prognostiziert ein hessischer FDP-Promi. Und 1991 hat schon einmal ein Golfkrieg den Wahlkampf verhagelt. So was prägt.

Andererseits – die Sorge bewegt Koch erkennbar eher theoretisch. Was für ein Unterschied zwischen dem unbekannten Aufsteiger vor vier Jahren, der wirklich nicht sicher war, dass sein Coup mit der Unterschriftenaktion gegen den Doppelpass funktioniert, und dem Chef des selbst ernannten „Erfolgslands Hessen“! Und eben Hoffnungsträger. Den Ruf des Merkel-Konkurrenten hat er weg, egal, was er tut. Man könnte sogar sagen: Obwohl er selber bemerkenswert wenig dafür tut. Als Merkel vor Jahresfrist im Rennen gegen Edmund Stoiber in kleinem Kreis die Truppen der Loyalen in der CDU-Spitze durchging, zählte sie Koch dazu. Das entsprach der Erfahrung vieler Präsidiumssitzungen. Wenig später plädierte Koch allerdings doch für Stoiber. Und als sich die CDU-Spitzenjungs dann verschworen, Merkels Ambitionen bei der CDU-Klausur in Magdeburg mit Brachialgewalt zu stoppen, wäre Koch am liebsten im Skiurlaub geblieben.

Ein Eiserner, der den offenen Konflikt scheut? „Ich hab’ halt glücklicherweise in der Union mit niemandem richtig Krach“, hat Koch dieser Tage gesagt. Der Satz sagt, weil er stimmt, viel über seine Rolle in CDU und CSU. Vielleicht ist er sogar der Schlüssel dazu, dass er als Hoffnungsträger so hoch im Kurs steht. Koch gilt außerhalb der Union als konservativer Flügelmann. Für nicht wenige in der eigenen Partei ist er etwas anderes: die Stimme des gesunden christdemokratischen Menschenverstands.

Wie das funktioniert mit der Stimme, kann man in Weilburg im Komödienbau erleben, einem Biedermeier-Theater, in dem an diesem Nachmittag gut 100 Lehrer mit dem Ministerpräsidenten über Bildungspolitik reden wollen. Nach der „Lehrergarantie“ von 1998 ist diesmal eine „Qualitätsgarantie“ für die Schulen Kochs landespolitisches Topthema. Die Bildungsstudie Pisa hat ihm die Munition geliefert: Offene Konkurrenz unter den Schulen um hohe Leistungsstandards soll her, Hessen-Kinder sollen nicht Pisa-Problemfälle sein. Die Pädagogen finden das generell auch, sind aber im Detail skeptisch. Der Lehrer mit dem langen weißen Öko-Schafwollpullover mit Zopfmuster will zum Beispiel wissen, wie die jüngste Verschärfung der hessischen Versetzungsrichtlinien sich denn damit verträgt, dass die Pisa-Forscher das Sitzenbleiben als einen der größten deutschen Irrwege einstufen.

Da erzählt Koch einfach vom kleinen Roland, der sein Engagement für die Schule immer genau so bemessen hat, dass die Mutter nicht glücklich, aber zufrieden war. „Wenn die mir für weniger Arbeit eine Drei gegeben hätten, hätte ich weniger gearbeitet. Andernfalls hätte ich schmerzenden Herzens mehr getan. Ich fürchte, das ist nicht nur bei mir so.“ Der Pulloverträger guckt unzufrieden, aber das Auditorium lacht. Wieder ein Sieg des kochschen Menschenverstands.

So geht das immer. Wenn Roland Koch den Mund aufmacht, wird die Wirklichkeit überschaubar. Rot oder schwarz, gut oder schlecht – „Architektur“ ist eins seiner Lieblingsworte, mit denen er beschreibt, was er tut: den Dingen Struktur geben, die Komplexität der Welt auf Gegensätze reduzieren, die eine Entscheidung zulassen. Keine kleine Begabung für einen Politiker, der ja entscheiden soll und muss. Bei Koch kommt dazu, dass er der deutschen Sprache mächtig ist wie wenige. Er redet immer ohne Manuskript. Und er hat auf alle Fragen eine Antwort, zumindest aber einen Spruch.

Der Polemiker

Darin liegt ein Problem. So einer ist vielen Leuten nämlich unheimlich, weil in ihrer Welt längst nicht alles so klar und einfach und durchschaubar ist. Auch deshalb werden Koch Ausrutscher weniger nachgesehen als anderen. Wie neulich, als er im Landtag einem Grünen, der in einem Streit über die Vermögensteuer Namen und Adressen betuchter Mitbürger vorlas, erregt vorhielt, das erinnere ihn an den „Stern an der Brust“.

Er hat sich sofort danach entschuldigt. Das hat bestenfalls den Schaden begrenzt. Das Bild war längst wieder präsent: das Bild vom Polemiker. Koch kennt es selbst. „Politiker leben damit, dass Klischees extrem haltbar sind“, sagt er. Und das Klischee über Roland Koch bestehe aus einer Mischung „irgendwo zwischen Staatsbürgerschaft, Spendenaffäre und Tische verprügeln im Bundesrat“.

Besser kann das wieder mal keiner sagen. Aber ist das nun nüchterner Realismus, in der Welt der Polit-Eitelkeiten selten und bewundernswürdig? Oder ist es eine besonders raffinierte Form der Koketterie? In der Hoffnung, dass das Gegenüber sagt, so schlimm sei es ja nun auch nicht, und dann Dinge aufzählt, die zum Klischee nicht passen? Zum Beispiel, dass Koch sich Gedanken über Gerechtigkeit und Sozialreform macht, die einem Oskar Lafontaine womöglich gefallen könnten? Oder dass er findet, die CDU müsse als Volkspartei ein Programm für eine Gesellschaft haben, in der mehr als 50 Prozent aller Bürger sich wohl fühlen könnten? Natürlich hat er auch auf den Koketterie-Verdacht schon wieder eine Antwort: „Es wird nichts geben, was ich tue, ohne dass eine veritable Zahl von Mitmenschen sagt, ich hätte das bewusst getan.“ Am Image, sagt er noch, „kann ich sowieso nichts ändern“.

Dabei ist dieses Image sein Problem. Nicht in Hessen; zwischen Kassel und Wiesbaden sind sie von der CDU die Dreggers und Kanthers gewöhnt, da geht der einstige Junge Wilde eher als Liberaler durch. Aber dem Rest der Republik ist einer schwierig zu vermitteln, der so aussieht und so redet, als verspeise er zum Frühstück jeweils einen grob geraspelten Schraubstock. Dabei sagt er oft gar nichts anderes als andere CDU-Politiker. Er sagt es nur anders. Roland Koch könnte den Wetterbericht vorlesen, und es würde klingen, als habe er Hagel befohlen.

Ob das Image verhindert, dass sich am Ende wieder die ganzen CDU-Jungs aus dem Westen zusammentun und diesmal ihn, den stärksten aus der Generation der Peter Müller und Jürgen Rüttgers, der Friedrich Merz und Christian Wulff gegen die Frau aus dem Osten in Stellung bringen? Bei solchen Fragen seufzt Koch. Diese Frage steht nicht an. Die hat Zeit. Jetzt wird er in Hessen gewinnen, dann wird er im Bundesrat sehen, zu welchen Kompromissen man die Regierung treibt. „Die reine Position der CDU, die muss im Bundestag vertreten werden“, sagt er, und: „Ich erwarte von meiner Partei in Berlin, dass sie dort knochenharte Oppositionsarbeit macht.“ Merkel, die Prinzipienreiterin, und Koch, der Konsensführer? Das klingt nun doch nach Imagewechsel. Dabei hat er extra versichert: „Ich mach’ mir um mein Image nicht so viele Gedanken.“ Viele vielleicht nicht, ein paar aber doch. In der Staatsdomäne in Rodenbach haben sie für ihn ein Rednerpult in die Reithalle gebastelt. Doch Koch bleibt auf dem Sandboden und spricht von unten zu den vier Dutzend Bauern. „So ein Herr, der von der Kanzel predigt, bin ich nicht“, hat er geknurrt und dabei schräg auf die vier Kamerateams geguckt, die ihn heute durch den Wahlkampftag begleiten. „Das Bild hätt’ ich nicht so gerne.“

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