Köchin Sarah Wiener : Der Herd als Symbol der Selbstfindung
16.01.2012 11:21 UhrDas Ende der DDR wurde ihr eigentlicher Anfang
„Entfremdung“ war ein Hauptwort der Generation ihres Vaters zur Denunziation des Vorfindlichen. Mag sein, dass sie in einer hochspezialisierten Welt grundsätzlich nicht aufhebbar ist, aber in Mundnähe sollte sie vielleicht doch enden. „Wir stehen an einem Scheidepunkt“, fasst die „politische Köchin“ zusammen. Das Private ist nicht privat, hatten die 68er durchschaut; sie definiert bündig: „Der Verbraucher ist ein politisches Wesen.“ Denn seine Wahl reicht ins Allgemeine, sie befestigt oder verändert Produktionsformen.
Aufklärung ist alles! Zwei junge Männer, die am Nebentisch gerade den vierten Gang – Topfenstrudel – beendet haben, wollen „Das Speisezimmer“ verlassen und nicken der Chefin zu. Die hält ihnen den Arm in den Weg: „Wo kauft ihr ein?“ – „Bei Rewe“, antwortet der erste kleinlaut. „Bei Kaiser’s“, gibt der zweite zu, damit die Strafe sie beide gleichmäßig treffe. Aber eine Chance gibt sie den beiden Mitarbeitern einer Werbeagentur noch: „Woran erkennt ihr gutes Fleisch?“ – Die Befragten sehen sich hilflos an: „An der Röte?“ In Sarah Wieners Augen geht die Welt unter.
Aber war sie denn besser, damals, als sie mit 24 Jahren in Berlin eintraf? Kein Schulabschluss, keine Berufsausbildung – es hatte sich nie ergeben –, aber ein Kind ohne Vater dazu. Die Berliner Sozialhilfeempfängerin machte, was dem Menschen in solcher Lage zu tun übrig bleibt. Sie öffnete eine Dose Ravioli in Tomatensauce für zwei. Vielleicht hat sie auch deshalb keine Scheu, den Gestrandeten der großen Städte ein herzhaftes „Kocht selber!“ zuzurufen. Für die Wiener Heilsarmee hat sie schon vor Jahren die „Heilsarmeesuppe“ kreiert. Auf Kichererbsenbasis. Sie öffnete noch manche Dose; das Leben und der Doseninhalt schmeckten gleich unspezifisch endzeitlich. „Aber irgendwann fiel mir die Kaki ein, die ich als Kind kaufte. Mein ganzes Wochentaschengeld für ein Stück Obst, und es war wunderbar“, sagt sie. Verrate nie den Geschmack deiner Kindheit!
Was nun folgte, weiß man. Sarah Wieners Vater, den sein Vortrag über den Zusammenhang von Sprache und Denken einst hinter Wiener Gitter gebracht hatte, war von dort nach West-Berlin emigriert, um in Kreuzberg das Restaurant „Exil“ zu eröffnen. Da saß er pfeiferauchend und philosophierend in der Küche, während alle um ihn herum kochten. Die Kinder der Revolutionäre sind ihre Gedanken.
Was Oswald Wiener gesagt hat, als die Berliner Sozialhilfeempfängerin vor ihm stand, ist nicht bekannt. Vielleicht: „Bist du aber groß geworden!“ Sie lernte im „Exil“, wie man Kartoffeln schält, und noch vieles andere, auch das, was ihr niemand mehr beibringen konnte. Man nennt das Kreativität.
Kochen. „Von allem, was ich nicht kann, kann ich das am besten“, sagt Sarah Wiener, und es ist höchstens zur Hälfte Koketterie. Sie kochte und buk sich aus dem „Exil“ heraus; das Ende der DDR aber wurde ihr eigentlicher Anfang. Sie kaufte aus NVA-Beständen einen zweiachsigen W 50 mit Anhänger und arbeitete fortan als Marketenderin. Nur dass sie nicht dem Kriegsvolk, sondern den Filmsets folgte. Das war Tilda Swintons Idee gewesen. Schließlich kochte und buk sie öffentlich, erst als Küchendiktatorin in der ARD-Doku-Soap „Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus“, dann bei Kerner, schließlich mit eigener arte-Sendereihe. Ihre Stiftung arbeitet inzwischen für den Kommunismus, den einzig möglichen: für die Gleichheit aller vor den Töpfen. Und in der Schule fängt das an.
Ihr jüngstes Projekt ist eine eigene Hühnerfarm. Sarah Wieners Hühner haben keine abgeschliffenen Schnäbel – konventionelle Haltung ist anders nicht möglich –, und auch die männlichen Küken, die nichts können außer krähen, haben ein Recht auf Leben. Und sogar auf ihre Hennen. Es kommt darauf an, etwas von der natürlichen Ordnung wiederherzustellen. Und wenn es die natürliche Hackordnung ist.








