Köchin Sarah Wiener : Der Herd als Symbol der Selbstfindung
16.01.2012 11:21 Uhr„Eine wirklich politische Tat ist, so dumm es klingt, selber kochen.“
Die frühere Lokfabrik hat große Fenster, vor den backsteinbloßen Wänden hängen große alte Kronleuchter. Sarah Wieners Tisch steht an der Wandseite in der Mitte. Sie sitzt da, in einem blaugrünweißen Kleid, das auf berückend einfache Weise kompliziert, also elegant ist. Und wo bei anderen Menschen der Bauch beginnt, ist sie statt konvex konkav. Dabei hat sie das ganze letzte Jahr der Küche ihrer Heimat gewidmet, Schwerpunkt: Mehlspeisen. Sie sitzt da ganz allein, ganz still, vor sich das Inventar eines halben Büros. Nur Bürokraten brauchen für die Verwaltungsdinge des Lebens ein Büro. Sie arbeitet. Und späht. Und beantwortet das freudig-wiedererkennende Lächeln ringsum, eine huldvoll-unerbittliche Wächterin über ihr Reich. Auch kann sie sich sehr gut konzentrieren, wenn die anderen essen. Überhaupt sind die Menschen wohl beim Essen am schönsten, so gelöst, so ungefährlich, selbst die größten Polemiker werden manchmal leise, unverbissen in alles, was sie nicht gerade im Mund haben.
Doch eigentlich müsste sie alle mit einem strengen „Kocht doch selber!“ vor die Tür setzen. Denn das Kochen, sagt sie, ist nichts, was wir anderen überlassen dürfen. Ihr offenes Gesicht bekommt schon wieder den Furor des Grundsätzlichen, wenn sie vom Kochen als „elementarer Kulturleistung“ spricht, nämlich als „Fähigkeit, sich selber und andere zu ernähren“. Und eben diese schwinde, und zwar dramatisch. Ja, sie habe in Küchen geschaut, in denen es schon keine Töpfe und Pfannen mehr gab. Höchstens noch eine Mikrowelle.
Sie kennt keine Scheu, auch vor einem Ein-Personen-Auditorium Sätze zu sagen, die man eher vor großem Publikum spricht. Schon um die Kleinbürger des Lebens zu erschrecken und sie mindestens ebenso zu befremden wie jene vor 40 Jahren: „Der private Einkauf ist nicht privat!“ Oder: „Eine wirklich politische Tat ist, so dumm es klingt, selber kochen.“ Aber wen wähle ich, wenn ich koche? Und kann ein voller Mund wirklich ein öffentlicher Raum sein?
Wer Sarah Wiener zuhört, weiß bald, dass sich hier eine nicht nur von Kohlenhydraten, Eiweißen und Fetten ernährt, sondern auch von Worten, sorgfältig und wagemutig zugleich komponiert wie Zutaten. Sie waren schon immer das Grundnahrungsmittel aller Weltverbesserer, einschließlich der Mitteleuropas.
Und vielleicht waren sie auch die Elementarspeise ihrer Kindheit. Sie fasst das in die Worte „Wir hatten nichts zu fressen, aber das Bewusstsein: Wir sind Elite!“ Die Maximen, nach denen Sarah Wiener und ihre Geschwister erzogen wurden, unterschieden sich – wenn Erziehung denn hier das richtige Wort sein sollte – dramatisch von den bisher üblichen. Der kategorische Wiener-Imperativ lautete: Tu immer das Gegenteil von dem, was die Gesellschaft von dir erwartet!
Kinder sind in diesen Dingen Naturtalente. Den etwas desillusionierenden ersten Halbsatz über die spezifische Ernährungslage der Familie Wiener muss man wohl erklären: Der erste Trompeter der Jazzband „Jesus Christbaum“ und Vordenker des Wiener Weltumstürzlertums beschloss kurz vor seinem 30. Jahr, dass er wohl doch nicht für die Kunst gemacht sei und sie nicht für ihn. Also verbrannte er alle seine Manuskripte, um zu heiraten und wie andere Menschen eine Frau, Kinder und einen ordentlichen Beruf zu haben. Er brachte es weit auf dem Weg der Verbürgerlichung, wurde Kybernetiker beim Büromaschinenkonzern Austro Olivetti, wurde Abteilungsdirektor mit umgerechnet 3000 Mark Monatsgehalt, großer Stadtwohnung und teurem Wagen. Das konnte er also auch. Aber sollte das schon das Leben gewesen sein?
Als Tochter Sarah ein Jahr alt war, verließ Oswald Wiener die Familie, um in die Literatur und die Revolution zu remigrieren. Zurück ließ er drei Kinder und seine Frau, Lore Heuermann, auch sie Künstlerin, Malerin und Bildhauerin. Und Künstlerin zu bleiben, war sie sich schuldig. Sie hatte in einem großen Hotel Kochen gelernt, aber betrachtete das wohl nicht als Qualifikation, auf die eine Frau stolz sein durfte. Und was hatten die Rest-Wieners, die nun von den Einkünften einer freischaffenden Malerin lebten, schon groß zu kochen? Ich bin mit Extra-Wurst groß geworden, hat Sarah Wiener einmal bekannt.
Zwei ältere Nicht-Feministinnen nähern sich dem Sarah-Wiener-Tisch, sie tragen ihr Buch „Frau am Herd“ wie eine Trophäe vor sich her: Ob sie signiere? Natürlich macht sie das. Dass ihr Kind einmal Bücher mit solchen Titeln herausgeben würde, hat Lore Heuermann gewiss schwer irritiert. Nein, für Sarah Wiener ist der Herd nicht das Symbol einer jahrhundertelangen, ja mehrtausendjährigen Dauerdemütigung, sondern eines der Selbstfindung, des Stolzes. Nur wie weit würde es sein dorthin.
Als Kind lebte sie also wie alle Wieners weniger von Kalorien als von der Gewissheit, anders zu sein, etwas ganz Besonderes. Vielleicht entsprach dieses Bewusstsein ohnehin dem natürlichen Selbstgefühl einer ungekränkten Kindheit. Sarah Wiener schwebte in der Welt-Blase ihrer eigenen Herrlichkeit. „Und als ich 15 oder 16 Jahre alt wurde, zerplatzte die plötzlich mit einem lautlosen Blub“, sagt sie. Schwer gekränkt von sich erwog sie kurz, als Robina Hood frei im Wald zu leben, befand es dann aber doch für angemessener, zwei Wochen vorm Abitur ein paar Jungen, über deren Existenz der gleiche Schatten hing, zu überreden, mit ihr nach Sizilien zu trampen. Sie fuhren voraus, Interpol hinterher. Die Eltern der anderen besaßen nicht die Reife ihrer Mutter, den Lebensentschlüssen ihrer Kinder mit Achtung zu begegnen. Lore Heuermanns Tochter war dabei, existenziell prägende Erfahrungen zu machen.
Das Leben ist ein langer Umweg zu sich selbst, und manch einer, manch eine erreicht dieses Ziel nie. Der ihre war besonders lang und führte schafehütend, orangenpflückend durch halb Europa. „Wir brauchen mehr Chaos!“, hatte ihr revolutionärer Vater gerufen, dessen berühmtester Roman mit einem „Personen- und Sachregister“ beginnt, dem ein 170-seitiges Vorwort folgt. Seht ihr, hätte die Internationale der Kleinbürger jetzt rufen können: So enden die Kinder der Revolutionäre und der grenzenlosen Freiheit! Sie gehen unter.
„In unseren tiefsten Schichten gleichen wir wohl unseren Eltern. Schon in der Art, in der Welt zu stehen“, überlegt Sarah Wiener. Mag sein, dass Revolutionen noch nie in Küchen begonnen haben, ausgeschlossen ist es darum nicht. Vielleicht handelt es sich um eine Revolution rückwärts. Statt Aufbruch ins Unbegrenzte zurück in die selbst auferlegte Begrenzung, aus der Schrankenlosigkeit hin zur bewusst gesetzten Schranke, von der industriell normierten Ernährung und aus der Geschmacksschule der Supermärkte – Sarah Wiener spricht zur Veranschaulichung gern von der „Klärschlammbulette mit Aromastoff“ – zurück zu kleineren, regionalen Händlern.








