Zeitung Heute : König auf Bewährung

Revolutionäre Stimmung in der CSU? Keine Spur davon in Kreuth: Alle stehen wieder hinter Edmund Stoiber - jedenfalls tun sie so

Robert Birnbaum[Wildbad Kreuth]

Täuscht der Tonfall, oder liegt in der Stimme des Peter Ramsauer wirklich so etwas wie Sehnsucht? Bei den britischen Konservativen, sagt der Chef der CSU-Landesgruppe und weist auf den Herrn links neben ihm, bei den britischen Konservativen also heiße der erste Mann nicht einfach nur „Vorsitzender“. David Cameron sei vielmehr der „Leader of the Party“. „Das ist ein schöner Begriff“, sagt Ramsauer. Herr Cameron trägt eine Krawatte in CSU-Hellblau und lächelt. Der Herr links von Herrn Cameron schwankt erkennbar, ob Lächeln jetzt auch bei ihm der angemessene Gesichtsausdruck wäre – oder doch lieber Ernst? Er wäre liebend gerne auch der „Leader of the Party“. Aber Edmund Stoiber führt im Moment überhaupt nichts, und selbst das mit dem Vorsitzen ist so eine Sache, weil seit ein paar Tagen immer ein paar andere ihm ganz dicht bei der Seite stehen, damit bloß nicht noch mehr schiefgeht. Die ernsten Paladine heißen Peter Ramsauer oder Alois Glück, der Landtagspräsident, oder Joachim Herrmann, der Fraktionschef. Sie machen entschlossene Miene. Oder sagen wir mal lieber: Sie machen entschlossene Maske.

Am Dienstagmorgen hat es zu regnen angefangen im Wildbad Kreuth, ein kühler Niesel auf die Reste von Schnee im Tegernseer Tal. Das Wildbad Kreuth ist ein Ort der großen Triumphe der CSU und der großen Triumphe des Edmund Stoiber. Hier ist er 2002 zum Kanzlerkandidaten gemacht worden. Von hier gehen jeden Jahresanfang wieder die Kraftsprüche von der Stärke und der Ent- und der Geschlossenheit der Christlich-Sozialen Union hinaus in die Republik. „Geschlossenheit“ hat der Peter Ramsauer wieder als Parole ausgegeben, „legendäre Geschlossenheit“ hat er sogar gesagt, was vermutlich noch richtiger ist, des nostalgischen Beiklangs wegen. Die Geschlossenheit diesmal ist die der belagerten Festung. Als Stoiber am Montagnachmittag in Kreuth ankommt und einer fragt nach dieser Affäre mit der Frau Pauli, wirft sich Ramsauer dazwischen: Das sei hier nicht Thema. Unten im Keller, wo die CSU-Bundestagsabgeordneten tagen, begrüßt Ramsauer wenig später demonstrativ „unsere Nummer Eins“. Der Saal applaudiert. „So lange, bis die raus sind“ tuschelt einer seinem Nachbarn mit Seitenblick Richtung Kameras zu. Hinterher stellt keiner eine einzige heikle Frage. Geschlossenheit, lernen wir, heißt bei der CSU neuerdings Geschlossenheit des Mundes.

Dabei gäbe es ja eine ganze Menge Fragen zu stellen an Edmund Stoiber. Zum Beispiel, wie er es bloß geschafft hat, dass sich eine ärgerliche Spitzelaffäre um eine etwas lästige kleine Landrätin zur Führungskrise auswachsen konnte? Es gäbe darauf eine etwas längere und eine sehr kurze Antwort. Die längere geht so: Als die Landrätin Gabriele Pauli den CSU-Vorsitzenden Stoiber in einer Sitzung des CSU-Vorstands darauf ansprach, was seinem Büroleiter eigentlich einfalle, ihrem Privatleben nachzuspitzeln, hat Stoiber die Frage mürrisch beiseite gewischt. „Wenn er da gesagt hätte: Ich weiß von nichts, aber da setzen wir uns gleich nachher zusammen und gehen dem nach – das Ding wäre erledigt gewesen“, glaubt ein CSU-Mann aus dem engeren Führungskreis. „Mit seinem arroganten Ignorieren hat er die Pauli doch erst groß gemacht.“ So nahm das Unheil seinen Lauf. Zeitungsbericht, Skandal, Zögern, dann doch den Bürochef Michael Höhenberger entlassen. Da ging es aber schon nicht mehr um einen Beamten. Da ging es längst um den Chef selbst.

Womit wir bei der kurzen Antwort auf die Ursache der Kalamitäten wären: Die Krise des Edmund Stoiber ist eine von der Art, die nur darauf gewartet hat auszubrechen.

Die Neujahrsansprache gehört zu den schöneren Pflichten des Ministerpräsidenten. Er kann ein bisschen predigen, die eigenen Leistungen loben, das Land und die Leute preisen und überhaupt Gunst verbreiten. So auch Bayerns Landesvater in zehn Minuten an die lieben Landsleute. Nur muss hinter der Kamera diesmal einer mit einem Schild auf und ab gehopst sein, auf dem „Lächeln, Herr Ministerpräsident!“ gestanden hat. Und vorher, in der Maske, müssen sie ihm einen Teller geraspelter Kreide verabreicht haben. So sanft gestimmt, derart auf rohen Eiern um ihr Vertrauen werbend, haben sie ihren Herrscher zuletzt vor einem Jahr erlebt. Damals, nach der Flucht aus Berlin. Damals, als Edmund Stoiber dem Ende schon mal ganz, ganz nahe war. „Alles verzeihen wir Bayern unseren Politikern“, sagt in der Rückschau ein CSU-Vorständler. „Feigheit nicht.“

Erholt hat sich Stoiber von dem selbst verpassten Schlag in Wahrheit nie. Sicher, er ist durchs Land gezogen und hat für sich geworben. Sicher, er hat Besserung versprochen in Sachen Führungsstil. Die CSU ist in den Umfragen langsam wieder über die magische 50-Prozent-Marke geklettert. Stoiber selbst nicht. „Der Stoiber“, hat vor Jahren einer der Wichtigen in der CSU in kleiner Runde analysiert, „der wird geachtet wegen seines Fleißes und seines Erfolgs. Geliebt wird er nicht.“

Stoiber selbst überbrückt die Diskrepanz zwischen seinem Ansehen und dem der Partei neuerdings mit gewaltiger Skepsis gegenüber dem Umfragewesen überhaupt, „hinsichtlich der Demoskopen und hinsichtlich des Desasters“ – bei der Bundestagswahl nämlich oder, noch größeres Schreckensbild, in Österreich. Da hat der Kanzler Schüssel in jeder Umfrage geführt und doch die Wahl verloren.

In dieser labilen Atmosphäre hat das Affärchen Pauli wie ein Katalysator gewirkt. Der ganze Frust, alle Unzufriedenheit ist ausgebrochen. Den Peter Ramsauer hat es zu selbstverständlich rein theoretischen Überlegungen darüber angestiftet, dass die CSU mit der Trennung von Parteivorsitz und Ministerpräsidentenamt gute Erfahrungen gemacht hat. Den hoch geachteten Landtagspräsidenten Glück hat es dazu gebracht, einen „gewissen Abnutzungseffekt“ nach 13 Jahren Herrschaft zu vermerken und zu erläutern, dass Stoiber zu einem „Zeitpunkt X“ seine Nachfolge werde regeln müssen.

Am Montag ist auf einmal all dieses nicht mehr wahr. Am Mittag stehen die drei Paladine breitbeinig in der Münchner Hans-Seidel-Stiftung. Zwischen ihnen ein blasser Stoiber. „Ich stelle mich weiter meiner Führungsverantwortung“, sagt Stoiber. „Warum sollte der Tabellenführer den Trainer wechseln?“ sagt der Fraktionschef Herrmann. Und was, Herr Glück, war mit der Nachfolge-Regelung? „Das ist ja eine zeitlos gültige Aussage“, wirft Stoiber ein. So ungefähr habe er das auch gemeint, murmelt Glück.

Die ganze Wahrheit ist das nicht. Die ganze Wahrheit lässt sich erahnen bei Lektüre der Solidaritätsadresse, die das CSU-Präsidium für seinen Chef verabschiedet hat. Da ist davon die Rede, dass das Ausforschen von Parteimitgliedern nicht in Ordnung ist. Die erste der „roten Linien“, die die CSU, wie ein Präsidiumsmitglied sagt, Stoiber gezogen hat. Die zweite ist, dass er mit Pauli reden muss. Beide roten Linien, im „Stern“ ist das nachzulesen, sind die Bedingungen dafür gewesen, dass die CSU-Spitze noch einmal eine Festung um Stoiber baut. Stoiber hat sich erst nicht beugen wollen: Da könne er’s ja auch ganz lassen. Dann hat er doch lieber gewollt. Zumal ihm die zweite Idee, sein angeschlagenes Ego aufzubessern, vorher schon ausgeredet worden ist. Den Kurs einiger Stoiberianer, in Berlin die Gesundheitsreform platzen zu lassen und so zu beweisen, dass der Löwe noch Pranken hat, haben vorweg Berliner Christsoziale gestoppt.

Die Geschlossenheit hat übrigens noch einen weiteren Preis. Herrmann verkündet ihn als Erster im Fernsehen: Stoiber muss noch einmal wie vor einem Jahr die Basis abklappern. Alle Bezirksparteitage werde der Vorsitzende besuchen. Es ist eine Bewährungsauflage. Er muss sich beweisen, noch einmal. Eine Bedingung, die nicht nur für die Zukunft der CSU wichtig ist, sondern auch für die Zukunft der Paladine. Die müssen inzwischen sehr aufpassen, dass sie sich nicht von der Malaise anstecken lassen. Es ist nicht besonders schmeichelhaft für Stoibers potenzielle Nachfolger, dass alle sagen, so richtig gäb’s gar keinen. Sich allzu eng vor, hinter und um den Bedrängten herum zu stellen könnte den Paladinen selbst dereinst als Mangel an Mut angekreidet werden.

Und was wird, wenn die erste Umfrage die CSU wieder gefährlich nahe an die 50 Prozent rückt? Und was soll das für ein Gespräch werden, das der CSU-Vorsitzende demnächst mit der Rebellin Pauli führt? Und was denkt sich bloß einer wie der Alois Glück, wenn er am Tage zwei der Geschlossenheit in eine Fernsehkamera hinein den Satz sagt: „Man wird sehen, ob irgendwann im Lauf der nächsten Legislaturperiode dann ein Wechsel erfolgt – auch im Interesse Bayerns“? Stoiber hatte gerade erst die Frage nach einem Stafettenwechsel anders beantwortet: Die ihn besser kennen, hat er gesagt, „die wissen, dass ich nie halbe Sachen mache“. Entweder also, der Glück kennt ihn nicht wirklich. Oder er kennt ihn womöglich zu gut.

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