Zeitung Heute : König Sarkozy sei gekrönt

Frankreichs UMP feiert ihren Präsidenten in spe

Hans-Hagen Bremer[Paris]

Die schwarzhaarige junge Frau in Jeans, Stiefeln und dunkler Bluse hat die Kette der Saalordner durchbrochen. Seit über einer Stunde hält Astrid das Schild in die Höhe, auf das sie in blau, mit Lippenstift- rot untermalt, geschrieben hat: „Nico, je t’aime!“ Sie wartet auf ihren Moment, um Nicolas Sarkozy das Schild zu überreichen. „Ich bewundere ihn, er ist der Einzige, der Frankreich verändern kann“, sagt die 20-jährige Politikstudentin.

Glaubt man der Inszenierung, die an diesem Sonntag in einer riesigen Messehalle an der Porte de Versailles in Paris zu besichtigen ist, dann ist sie nicht die Einzige, die solche Gefühle für den Parteichef der konservativen französischen Regierungspartei Union für eine Volksbewegung, kurz: UMP, hegt: 70 000 versammelte Anhänger sind gekommen, um ihren Kandidaten für die Präsidentenwahl zu bejubeln. Dass Sarkozy der Kandidat der UMP ist, steht fest. Die parteiinterne Urwahl, an der sich zwei Drittel der 330 000 Mitglieder beteiligten, hat Sarkozy mit 98 Prozent der Stimmen gewonnen.

Zeitweise herrscht eine Stimmung wie bei einem Fußballspiel der französischen Nationalmannschaft. Junge Leute haben sich in blau-weiß-rote Fahnen gehüllt, in die Farben der UMP. Andere in bunten T-Shirts mit aufgedruckten Bildern des Kandidaten skandieren Sarkozys Namen. Wenn ein Redner auf der Bühne Sarkozys Qualitäten lobt, brechen Beifallsstürme aus. Zehn Euro hat jeder für die Reise in einem der gecharterten sieben Sonderzüge und 520 Busse bezahlt. Den Rest übernimmt die Partei, die sich diese Krönungsmesse zum Ruhm ihres Kandidaten 3,5 Millionen Euro kosten lässt – angeblich ein Viertel des gesamten Wahlkampfbudgets. Bescheidenheit ist nicht gefragt. Man befindet sich schließlich in derselben Halle, in der der heutige Präsident Jacques Chirac 1976 vor ebenso vielen Anhängern die inzwischen in der UMP aufgegangene gaullistische Sammlungsbewegung RPR gründete. Dahinter darf man nicht zurückbleiben.

Einer von denen, die Chirac damals zujubelten, war der Mann, der ihn nun im Frühjahr beerben will. Ein Foto aus jener Zeit zeigt den inzwischen 51-jährigen Sarkozy als herausfordernd blickenden jungen Mann mit schulterlangen Haaren, Blazer und blau-weiß-rot gestreifter Krawatte. Chirac, der Parteichef fand Gefallen an dem umtriebigen RPR-Jugendsekretär und holte ihn in seinen engsten Kreis. Für den Sohn eines nach Frankreich geflohenen ungarischen Adligen, der nach der Scheidung der Eltern mit seinen beiden Brüdern bei der alleingelassenen Mutter aufgewachsen war, wurde Chirac ein „Ersatzvater“, wie seine Biografen Pascale Nivelle und Elise Karlin schreiben.

Jurastudium, Rechtsanwalt, jüngster Bürgermeister Frankreichs – mit 28 Jahren – und Bruch zwischen Sarkozy und Chirac im Jahr 1995. Im Präsidentschaftswahlkampf ergriff der Jüngere Partei für Edouard Balladur. Diesen „Verrat“ hat Chirac, wie seine Querschüsse der vergangenen Tage aus dem Elysee-Palast zeigen, dem einstigen Ziehsohn bis heute nicht vergeben. 2002 schaffte Sarkozy ein Comeback, wurde Innen- und Wirtschaftsminister und entriss dem Chirac- Clan die Führung der UMP.

„Ich bin niemandem verpflichtet“, sagt Sarkozy. Und jetzt, während der Kür, demonstriert er Großmut gegenüber seinen verbliebenen Gegnern – allen voran Premierminister Dominique de Villepin, der sich nur kurz an der Porte de Versailles zeigt. „Ich will eine einige Partei und ein einiges Land“, ruft er seinen Anhängern zu. „Mein Frankreich ist das aller Franzosen.“

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