Zeitung Heute : Körper in millimeterdünnen Scheiben

HENRY STEINHAU

Es war eines der außergewöhnlichsten medizinisch-technischen Projekte des Jahrhunderts.1996 stellte ein zum Tode verurteilter Mörder seinen Körper der Wissenschaft zur Verfügung.Die US-amerikanische "National Library of Medicine" fror den Leichnam ein, "ummantelte" ihn und zerlegte ihn darauf in mehr als 1800, jeweils einen Millimeter dünne Scheiben.Jede dieser Scheiben wurde hochaufgelöst eingescannt.Diese rund 1800 digitalen Aufnahmen stellten die Forscher unter dem Namen "Visible Human Project" ins Internet und außerdem zur Verfügung.Auf Basis dieses Materials entstanden unter anderem auch die beiden vorliegenden CD-ROMs.Die erste, "Body Voyage", ist die deutsche Übersetzung des in den USA erfolgreichen Titels gleichen Namens, "Body Explorer" wurde hingegen von einem deutschen Wissenschaftler-Team entwickelt.

"Body Voyage" setzt primär auf faszinierende Bilder.Die amerikanische Produktionsfirma Learn Technologies Interactive begnügte sich nicht mit den zweidimensionalen, horizontalen Ansichten der Originalscans, sondern gestaltete eine Reihe dreidimensionaler Modelle.Knochen, Muskeln, Organe und andere anatomische Kategorien lassen sich zum einen in einer Art Kamerafahrt betrachten oder als "Plastiken" per Maus um 360 Grad drehen.Leider sind diese 3D-Modelle zu klein geraten und auch nicht zu vergrößern.Wenn auf "Mausberührung" die jeweiligen Bezeichnungen an einer Linie die anatomische Erklärung einblenden, dann verpufft häufig der Lerneffekt, weil Bildgröße und -auflösung einfach nicht ausreichen, um die gemeinten Details gut zu erkennen.Und als wenn sich die Produzenten dieser elementaren Schwäche bewußt waren, liefern sie "zum Trost" ausführliche populärwissenschaftliche Texte zu anatomisch-medizinischen Fragen, die aber, weil weiß auf Schwarz und in spröder Schrift gesetzt, schwer lesbar sind."Body Voyage" ist zwar eine faszinierende, aber passive Reise durch den Körper.Die Möglichkeiten zur Interaktivität beschränken sich auf Auswahl.

Ganz anders gehen die Produzenten des "Body Explorer" mit dem Ausgangsmaterial um.Die Aufmachung des Programms ist nüchtern-sachlich, sie arbeitet mit Fenstern und Menüs, wie man sie aus typischen Windows-Arbeitsprogrammen kennt.Im Hauptfenster, das sowohl die Seiten- als auch die Frontalsicht des "gehäuteten" Menschen zeigt, wählt der Benutzer entweder eine Schnittebene oder eine von 13 anatomischen Kategorien.Danach öffnet ein Befehl den Originalscan, und zwar in einer besonders hohen Auflösung (hierfür sollte der PC mindestens 16 Bit-Farbe beherrschen).Eine nun verfügbare Werkzeugleiste ermöglicht das Zoomen sowie die völlig freie Bestimmung von Detail-Ausschnitten per Maus, bei Bedarf auch mehrere gleichzeitig."Body Explorer" verzichtet auf jegliche Aufarbeitung der Schnittbilder zu Videos oder 3D-Visualisierungen, zugunsten einer hohen Flexibilität und Interaktivität.Dem Anspruch, neben dem interessierten Laien auch und gerade Wissenschaftlern ein neuartiges Werkzeug für die Anatomie-Lehre in die Hand zu geben, wird "Body Explorer" damit voll gerecht und ist eine willkommene Ergänzung zur fantastischen "Body Voyage".

Body Voyage, (Navigo/Spektrum) Systhema Verlag, rund 50 DM.Systemvoraussetzungen: Multimedia-PC ab Pentium-Prozessor und Windows 95 oder vergleichbarer Mac ab Power PC.Body Explorer, Springer Verlag, rund 60 Mark.Systemvoraussetzungen: Multimedia-PC ab Pentium-Prozessor und Windows 95.

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