Zeitung Heute : "Körperwelten": Ich bin kein Monster!

Susanna Nieder

Was in so einem Körper alles drin ist! Herz, Lunge, Leber, Magen, Nieren und was der Mensch sonst an Organen braucht, nehmen gar nicht so wenig Platz weg. Und der Darm erst! Wenn man den Darm eines erwachsenen Menschen geradeziehen würde, wäre er etwa acht Meter lang. Aber er ist so geschickt geschlungen und gewunden, dass er bequem in die Bauchhöhle hineinpasst.

Wie es im Inneren des Menschen aussieht, kann man sich in der Ausstellung "Körperwelten" ansehen. Das ist eine Ausstellung, die schon seit Jahren von Stadt zu Stadt zieht, sogar in Japan ist sie schon gewesen. Sie ist von früh morgens bis spät abends geöffnet, und überall stehen die Menschen Schlange, weil sie sehen wollen, was der Professor Gunther von Hagens ihnen da vorführt.

Der Professor wohnt in Heidelberg und hat ein Verfahren erfunden, mit dem man den menschlichen Körper so herrichten kann, dass er nach dem Tod nicht zerfällt. Dieses Verfahren heißt Plastination und geht so: Der Körper besteht zu 70 Prozent aus Wasser. Dieses Wasser wird ihm entzogen und durch einen Kunststoff ersetzt. Dadurch wird das Gewebe hart und haltbar. Jetzt kann man es bearbeiten und den Körper so darstellen, dass bestimmte Teile gut zu sehen sind.

Das Fachgebiet des Professors ist nämlich die Anatomie, also die Lehre vom Körperbau. Schon seit vielen hundert Jahren versuchen die Menschen, den toten Körper so herzurichten (man sagt dazu: präparieren), dass man ihn studieren kann. Für die Medizin ist das sehr wichtig, denn man kann nur heilen, was man kennt. Etwas ganz anderes ist die Einbalsamierung, mit der zum Beispiel die alten Ägypter die Körper ihrer Pharaonen zu erhalten versuchten. Sie taten das, weil sie glaubten, der Körper sei wichtig für das Leben im Jenseits.

Damit der Körperbau gut zu sehen ist, wurde bei vielen Körpern in der Ausstellung die Haut entfernt. So kommen die Muskeln und ihr Aufbau zum Vorschein. Bei manchen Körpern ist der Knochenbau besonders gut zu sehen, bei anderen die inneren Organe, einige sind sogar in Scheiben geschnitten, so dass sich die vielen Schichten zeigen, aus denen wir bestehen.

Manche sehen aus, als tun sie gerade etwas. Ein Mann sitzt über einem Schachspiel, als denke er über den nächsten Zug nach, eine Frau schwebt an Schnüren, als würde sie schwimmen, ein Mann hat den Degen zum Fechten erhoben. In einem eigenen Raum sind Babys zu sehen, manche schon so groß wie ein richtiger Säugling, andere winzig klein. Da liegen sie und sehen aus, als würden sie träumen. Und die lebendigen Menschen, große und kleine, schauen sich das alles an und sind erstaunt, wieviel Neues sie über den eigenen Körper erfahren.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben