Zeitung Heute : Kohl in der CDU ohne Alternative

THOMAS KRÖTER

Hilft Helmut Kohl der alte Theateraberglaube, daß eine vermasselte Generalprobe eine gelungene Premiere erhoffen läßt? Als "Kanzler der Einheit" war Kohl 1990 populär.Heute ist er der Regierungschef, der die D-Mark gegen den Euro eintauschen will.VON THOMAS KRÖTER BONN.Ein Denkmal wolle er nicht sein, hat Helmut Kohl neulich versichert.An denen gingen die Menschen vorbei, und die Vierbeiner machten "Sachen, die einem nicht gefallen".In Niedersachsen waren es die wahlberechtigten Zweibeiner, die ihm den Respekt verweigerten.Und die innerparteilichen Steinmetze halten erschreckt inne; plötzlich durchfährt sie die Furcht: Es könnte ihre Familiengruft sein, an deren Schmuck sie meißeln.Also, Pause in der Werkstatt.Statt Denkmal ist Nachdenken angesagt.Helmut Kohl sollte Hauptperson und Hauptinhalt des Bundestagswahlkampfes 1998 sein.Und nun? Vorerst hilft nur der alte Theateraberglaube, daß eine vermasselte Generalprobe eine gelungene Premiere erhoffen läßt.So wie damals, 1990.Da legte Lafontaine im Saarland mächtig zu, um als Kanzlerkandidat ebenso mächtig eins übergezogen zu bekommen. Bloß: Damals war Helmut Kohl "Kanzler der Einheit", für die zu sein zu den ehernen Grundwerten politischer Korrektheit zählt.Heute läßt er Mark gegen Euro tauschen, eine Transaktion, gegen die zu sein, den Charme des modischen Chics atmet.Die Entschuldigungsparallele der Unionsstrategen enthält darüber hinaus ein Geständnis: Es ging in Niedersachsen nicht um einen jungen Mann namens Christian Wulff, sondern um den alten Herrn Helmut Kohl.Es ging auch nicht um Schröder gegen Lafontaine, wie die zweite Verteidigungslinie lautet, sondern um Schröder gegen Kohl.Und dabei bleibt es nun.Schlimmer noch, es geht weiter: Schröder und Lafontaine gegen Kohl. Allen politischen und publizistischen Auguren zum Trotz haben die beiden sich nicht auseinanderdividieren lassen.Nachdem die Frage entschieden ist, die sie hätte entzweien können, steht noch weniger zu erwarten, daß sie plötzlich der politische Selbstzerstörungswahn erfaßt.Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg.Und erfolgreich war auch jener gemeinsame Nenner, auf den sie sich mühelos einigen können: Modernität und soziale Verantwortung.In Zeiten von fünf Millionen Arbeitslosen, da Reformstau zum Modewort avanciert, kommt das an.Offenbar reicht es auch aus.Vorerst.Über das Kleingedruckte wird nach dem 27.September entschieden: Wieviel Modernität, wieviel soziale Abfederung? Kohl mag geahnt haben, daß er ein Problem bekommen könnte, weshalb er angesichts des sozialdemokratischen Herausfordererduos Wolfgang Schäuble offiziell zum Kronprinzen salbte.Helfen wird es ihm sowenig wie vor vier Jahren die Installation der Troika dem schwachen Rudolf Scharping: Zwei, die etwas werden könnten - das ist etwas anderes als einer, der Hilfe braucht, um etwas zu bleiben.Wie damals hat die Kandidatendiskussion längst begonnen, wie die meisten Kandidatendiskussionen beginnen - mit der paradoxen Behauptung, es gebe keine.Aber wieso das Feuer leugnen, wenn da kein Rauch wäre? Dennoch, Helmut Kohl muß bleiben, was er ist: Kanzler und Kandidat.Auf Gedeih und...an dies bisher unaussprechliche Wort werden sie sich in der Union gewöhnen müssen: Verderb.Es wäre falsch, nach dem Vorbild aus schlechten sozialdemokratischen Zeiten nun die Kandidatendiskussion zu führen oder gar auf dem Parteitag in Bremen einen Putsch à la Mannheim zu kopieren.Wolfgang Schäuble hat gelegentlich gedrängelt, aber er hat Kohls Politik mitgetragen.Für einen Wechsel ist es zu spät, der legitime Kronprinz kaum der rechte Retter, wenn es mit der Dynastie bergabgeht.Ein Rückzug Kohls wäre das Eingeständnis der Niederlage, ehe sie stattgefunden hat, kein Ausweis von Dynamik.Es wäre ein Wechsel unter dem Zwang höchster Not, nicht aus Einsicht. Freiwillig ging auch Otto von Bismark nicht, dessen Kanzler-Rekord zu brechen Helmut Kohl noch bleibt, nachdem er Adenauers Amtszeit hinter sich gelassen hat.Wilhelm II.war es, der dem Lotsen, so eine zeitgenössische Karikatur, keine Wahl ließ, als von Bord zu gehen.Kohls Kaiser ist das Volk.So könnte der geschichtsbewußte Kanzler, statt bei lebendigem Leibe zum Denkmal zu erstarren, als der erste der Bundesrepublik in die Historie eingehen, den es abwählte - es sei denn, die harmoniesüchtigen Deutschen schrecken doch noch davor zurück, nachdem die Niedersachsen gezeigt haben, was sich mit einem Kreuz auf dem Stimmzettel anrichten läßt.Vielleicht sogar Veränderung.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben