Zeitung Heute : Kohle Arm, aber

Berlin ist die Hauptstadt der Briketts, und wer damit heizt, wird bedauert. Doch ein alter Ofen bedeutet Rebellion und Unabhängigkeit. Unterwegs mit Kohleträgern – den härtesten Malochern der Stadt

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Spur der Kohlen: Am Güterbahnhof Neukölln ist das Lager des Kohlenhändlers Kögler. Seitdem andere Händler reihenweise schließen, beliefert er von hier aus die ganze Stadt. Fotos: David von Becker
Spur der Kohlen: Am Güterbahnhof Neukölln ist das Lager des Kohlenhändlers Kögler. Seitdem andere Händler reihenweise schließen,...

Ob es was? Ob es zu warm wird? Aber Frau Hilmer, nein, da brauchen Sie keine Angst zu haben, der Winter hat ja erst angefangen, der dauert noch dreieinhalb Monate. Eine Tonne brauchen Sie mindestens noch.

– Es soll wärmer werden? Aber Sie wollen ja auch bei 10 Grad noch heizen. Oder heizen Sie bei 10 Grad etwa nicht?

– Alle reden ja von der Klimaerwärmung, aber in Wirklichkeit, Frau Hilmer, gehen wir auf eine Eiszeit zu, da sind Sie zufrieden, wenn Sie dann noch ein paar Säcke oben haben.

Als Richard Kögler auflegt und seine werbende Stimme verhallt, bleiben im Raum: ein staubiges, altes Holzbuffet, an dem Kögler die Auftragszettel ausfüllt, die Aktenordner mit der Kundendatei, 40 Jahre zurück, und vor der Vertäfelung aufrecht sitzend seine Moni.

Alles von einer dichten Wärme umgeben, die einem kleinen Allesbrenner entströmt, in dessen Klappe Moni jetzt sorgfältig ein paar zerrissene Briefumschläge platziert. Dann zündet sie sich eine „Boston“ an, im Souterrain des Kohlenhändlers Kögler, Körtestraße, Kreuzberg.

30 000 Berliner Haushalte, so schätzt die Senatsverwaltung für Umwelt, hüten im Winter ihr Feuer noch selbst. Sie werden beliefert von gut 30 Kohlenhändlern – das sind weniger als jemals zuvor, aber immer noch viel mehr als in München, Hamburg, Köln, den Städten des Ruhrgebiets oder Leipzig und Dresden.

Berlin ist die Hauptstadt der Kohle.

Aber erst, wenn der Winter beginnt, kriecht diese Wahrheit jedem in die Nase wie die Kälte in den Mantel. Erst, wenn sie frieren, klingeln die Leute beim Kohlenhändler durch, in diesem strengen Winter mehr denn je, und im Straßenbild wundern sich die Menschen, die glaubten, solche gebe es ja gar nicht mehr, die den ganzen Tag draußen sind und körperlich schwer arbeiten.

Oh doch. Es ist der härteste Job der Welt, sagen die Kohlenträger. Sie fahren die Ware aus von einem kohlrabenschwarzen Ende des Tages zum anderen. Sie tragen jede Tonne, die in Berlin durch die Schlote geht, eigenhändig in Haus und Keller. Und an einem Januarmorgen 2011, morgens um sieben Uhr dreißig auf dem Güterbahnhof Neukölln, dem Lager der Kohlenhandlung Kögler, gewinnt Folgendes im Dunkel Kontur: ein abgestellter Güterzug, ein Metallzaun, ein Haufen loser Kohle, Paletten voll Briketts, mehrere Kohlesäcke, eine Waage, ein paar wilde Katzen, Dirk Kögler, 41, Sohn des Kohlehändlers, und Wolfgang Emmermann, unglaubliche 56, wegen seiner Frisur auch „Prinz Eisenherz“ genannt. Emmermann fällt vom rechten auf das linke Bein wie ein Matrose bei Seegang. Die beiden Männer laden einige Zentnersäcke auf den alten Lkw, einige Paletten Briketts und Holzbriketts. Dirk Kögler wirft den Gurt über die Ladefläche – sich mit schlecht gesicherter Ladung erwischen lassen kostet 35 Euro – und zieht die Ratsche stramm.

Der Motor springt an und macht dieses kräftige Geräusch, das er nur bei voller Beladung hören lässt und das Kögler so liebt. Er schließt seine enormen Hände um das elegante, dünne Lenkrad seines Mercedes-Truck von 1965 und beginnt die tägliche Zeitreise in das alte Berlin, wo der Winter eine Herausforderung darstellt und Kachelöfen in den günstigsten Wohnungen stehen. Darin wohnen Berliner mit jahrzehntealten Verträgen zur Miete. In diesem Berlin sind die Fassaden unsaniert, und die Bewohner zahlen bar.

„Auch ein Kleiner schafft was weg“, sagt Emmermann, dessen Körper in der kalten Luft inzwischen dampft. Es ist noch keine elf Uhr, seine 1 Meter 70 haben in der Adalbertstraße gerade drei Tonnen bewegt. Zuerst beim Abladen vom Wagen auf die Sackkarre, dann hinein ins Haus, die Kellertreppe hinuntergeruckelt, und ein zweites Mal wanderten drei Tonnen von der Sackkarre durch seine Hände auf die Stapel im Keller.

Aber dies war nur der erste Streich. Schon sitzen sie wieder im Wagen, hoch über der Stadt, aus dem Abstand, den das Führerhäuschen eines alten Trucks so schaffen kann. Das Armaturenbrett komplett aus Eisen, das Handschuhfach sieht aus wie eine Brotdose. In der Luft das Aroma körperlicher Arbeit.

„Man glaubt gar nicht, was dieses Auto ausmacht“, sagt Kögler. Er hat ein Faible für den alten Kohlenwagen mit der markant gewölbten Schnauze, der wie der ganze Beruf längst zu einem Oldtimer geworden ist. Und der ist dem Geschäft extrem zuträglich. Immer wird er auf den Wagen angesprochen, und der läuft einfach weiter. Klaglos. Stoisch.

Wie die Träger. Vielleicht mögen sie sich deshalb so gern, Kögler und sein Auto. Sie pflegen dieselbe fraglose Zuverlässigkeit.

Die spezifische Einsamkeit des Kohlenträgers lauert im halben Geschoss, zwischen den Stockwerken, hatte ein Mitarbeiter Köglers gesagt. Am Ende geht es um diesen einen Moment. Er komme einmal am Tag, vielleicht auch mehrmals. Dann stehe man da, ganz still, zwischen zwei Treppen, den Blick nach unten, auf dem Rücken 75 Kilogramm Briketts. Dann kann man eigentlich nicht mehr.

„Warum tue ich das?“

Wer diese verbotene Frage denkt, ist verloren, er entscheidet jeden Tag neu, ob er umkehrt oder nicht. Wer weiterläuft, sagt der Kollege, macht das nicht mehr für das Geld oder für seinen Chef, sondern nur noch für sich selbst. Das ist der Kern des Berufs. Ein Kohlenträger muss, sagt er, für diese Begegnung mit sich selbst geschaffen sein.

Dirk Kögler, längst über das Stadium der Selbstbefragung hinaus, tritt in der Fidicinstraße auf die Bremse, füllt einen altmodischen Holzkasten mit 70 Kilo Briketts, hakt einen Lederriemen in den Kasten, wickelt den um seinen Arm, lässt den Kasten von der Ladefläche auf seinen Rücken gleiten, spannt mit ausgestrecktem Arm den Riemen und stapft leicht gebeugt in den ersten Stock.

Dort öffnet eine zarte Frau, begeistert von ihren Kohlen: „Ich wollte nichts anderes!“ – Solange man bedenkt, dass man die Ofenklappe erst schließt, wenn alle Briketts durchgeglüht sind, „sonst explodiert es“. Und dann beschreibt sie lustvoll ein Szenario, in dem nur die alten Mieter noch einmal davonkamen. Als nach einem verheerenden Kellerbrand mitten im Winter die Gasheizung nicht mehr zu benutzen war. Wer konnte wohl noch heizen? Nur die letzten zwei Parteien mit Kohleofen.

Sie weiß es, Kögler weiß es, alle wissen es: Wenn einer stirbt, wird saniert. Inzwischen feuern nur noch derart wenige der 1 891 000 Berliner Wohnungen mit Kohle, dass sich das Umweltproblem in Wohlgefallen aufgelöst hat. Der Berliner Senat hatte vor der Jahrtausendwende sogar erwogen, Kohleöfen einfach zu verbieten, wegen der Luftverschmutzung. Aber längst gibt es keinen Winter-Smog mehr.

Dirk Kögler, dessen Hände wieder ins Lenkrad greifen, hält die Sanierung für ein abgekartetes Spiel. Bei ihm haben sie es ja auch gemacht. Im ersten Winter wird man arm. Und im zweiten hellhörig. „Der Horror! Buff, wenn die Flamme der Therme angeht.“ Wessen Wohnung erst einmal saniert ist, der hat keine Wahl mehr. „Die wollen, dass du abhängig bist.“ Dann muss man die Preise akzeptieren oder frieren.

Und mit Kohle?

„Wenn man kein Geld hat, dann heizt man einfach nicht – und geht den ganzen Tag zu Karstadt. So einfach ist das“, hatte Vater Kögler gesagt. Dann ist man vielleicht auch arm, aber man hat die Wahl. Darum geht es. Das ist Unabhängigkeit. Nicht wie bei den Gasheizungen, wo die monatlichen Abschläge und Vorschüsse auch fällig werden, wenn man die Heizung gar nicht andreht, weil ein bestimmter Prozentsatz über den Gesamtverbrauch des Hauses abgerechnet wird.

Und das ist der Grund, weshalb den Köglers überall ein stolzer Querulant die Tür öffnet. Jetzt gerade ist es der letzte Ofenheizer in einem Haus in der Neuköllner Donaustraße. Einer im Strickpulli, einer, der weiß, dass er widerstanden hat. Der sich behauptet hat gegen die Hausverwaltung und damit auch gegen die Energiekonzerne und die Willkür ihrer Preise. Der Kohleofen ist seine Unabhängigkeitserklärung.

Wärme ist eine Frage der eigenen Expertise. Man sorgt für sich selbst. Was für eine Ermächtigung! Man entzündet sich selbst das Feuer, man hütet es und kümmert sich. Erfahrung zahlt sich aus.

Allerdings darf der Querulant nicht bequem werden: Es ist keine Heizung für den flexiblen Menschen. Damit sie langsamer herunterbrennen, muss er die Briketts in Zeitungspapier einwickeln. Wie zu einer Katze muss er zu seinem Ofen regelmäßig zurückkehren, will er nicht, dass das Feuer erlischt.

Kögler und Emmermann sitzen wieder im Wagen. „Hast du das verschmierte Treppenhaus gesehen?“ – „Ein Neuer. Wenn er nicht mehr konnte, hat er sich mit seinem Zentnersack an die Wand gelehnt.“ Aber das war nun gar nichts gegen den Pechvogel, der seine 75-Kilo-Kiste im Wohnzimmer nicht vom Rücken bekam: Er hat sich rücklings an die Wand gestützt und sich nach unten rutschen lassen. Das Wochenende darauf hat er mit einem Farbeimer verbracht.

„Was gar nicht geht: Mit 30 Jahren anfangen,“ sagt Dirk Kögler. An die große Last der Kohlen muss sich ein Körper früher gewöhnen, am besten ab 15. Deshalb ist es vollkommen sinnlos, Kohlenträger per Anzeige zu suchen oder beim Arbeitsamt nachzufragen. „Die finden uns.“ Die Einzigen, die erfolgreich dabeibleiben, sind Gerüstbauer.

Die Köglers jedenfalls lachen sich regelmäßig kaputt, wenn wieder so ein aufgepumptes Männchen aus dem Fitnessstudio die Treppe in der Körtestraße herunterkommt. „Die fangen um acht an, und um neun gehen die nach Hause.“ Sie haben kurz Kraft, aber es fehlt jede Ausdauer. Von der Technik ganz zu schweigen. Die wanken ja schon auf dem Gehsteig ganz ohne Gewichte!

Kögler und Emmermann leeren jetzt bei einer betagten Kreuzbergerin an der Fontanepromenade Zentnersäcke über eine ebenerdige Brüstung auf ihren Balkon. Es war Köglers Idee mit dem Balkon. So muss er nicht in den Keller im zweiten Hinterhof, und die alte Dame auch nicht. So grob das Geschäft auch ist, so feine Antennen haben die Kohlenträger doch entwickelt für die Bedürfnisse der Kunden.

Seit 112 Jahren ist Dirk Köglers Familie im Geschäft, der Zweig mütterlicherseits hatte die Kohlen, und er selbst, aufgewachsen in der Nostitzstraße, hatte körperlich Glück: Er wuchs. Und hörte nicht auf, bis er 192 Zentimeter erreicht hatte. Er geriet innerlich und äußerlich stabil. Mit 16 wuchtete er sich die ersten Pakete auf den Rücken.

Damals wechselte man keinesfalls seinen Dealer. Bei den häufigen Lieferengpässen nach West-Berlin konnte man nur bei seinem langjährigen Händler sicher sein, noch Kohlen zu bekommen. Aber dann konnte Kögler zusehen, wie in West-Berlin, als sie in Charlottenburg mit der Fernwärme anfingen, den Kohlenhändlern Block für Block die Kundschaft ausging. Mitte der 80er Jahre hat Kögler nicht gedacht, dass er das Geschäft seines Vaters übernehmen würde.

Dann kam die Wende. Eine wüste Zeit, alle brauchten Kohlen, doch wider Erwarten benötigten sie für die Sanierung, die im Westen 30 Jahre gedauert hatte, diesmal nur fünf: Dann war auch „drüben“ der Großteil der Kohleheizungen nur noch Geschichte.

Warum aber gaben die einen Händler auf, und einer wie Kögler überlebt? In den 70er Jahren wurde in Charlottenburg die Fernwärme eingeführt, erzählt der Senior in seinem warmen Souterrain. Da warfen die ersten Kollegen das Handtuch. Aber immer blieben in den Blocks einige widerspenstige Mieter übrig, die noch mit Kohlen heizten. Einige Händler lehnten es ab, so weit durch die Stadt zu fahren. Na jut, dachte sich der Alte, wo ich doch schon mal ein Auto habe ...

„Das habe ich 40 Jahre lang gemacht – vielleicht gibt es mich deshalb noch.“

„Naja, und die Sonderwünsche!“, sagt Moni von ihrem Schreibtisch aus.

Sonderwünsche sind zum Beispiel präzise Uhrzeiten, kleine Zeitfenster bei der Lieferung, oder auch mal spontan zwei Zentner einer Tonne nach oben zu tragen. Komischerweise gebe es in den letzten Jahren sogar neue Kunden, die mit ihren alten Öfen zuheizen. Die ihre Unabhängigkeitserklärung an die Energieunternehmen in Rauchzeichen durch den Schornstein morsen.

Und Dirk Kögler? Versucht, nicht zu viel selbst zu tragen. „Sonst bin ich mit 50 tot.“

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