Zeitung Heute : „Kohlrausch ist nicht zu fassen“

Der Jurist Holger Karitzky wird mit dem Humboldt-Preis 2002 geehrt

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„Eduard Kohlrausch ist nicht zu fassen", sagt Holger Karitzky. Kohlrausch war einer der einflussreichsten Strafrechtler in Deutschland – und erlebte selbst vier verschiedene Staatssysteme von der Kaiserzeit über die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus bis zu den ersten Nachkriegsjahren.

Der 34jährige Jurist Karitzky wird in diesem Jahr für seine Dissertation über Kohlrausch mit dem Humboldt-Preis der Humboldt-Universität ausgezeichnet. „Ich bin nicht der große Dogmatiker", sagt Karitzky. „Darum wollte ich in einer Biographie Strafrecht mit Geschichte verbinden." Die Annäherung an Kohlrausch war für ihn nicht einfach. „Mein erster Gedanke war: Ich schaffe das nicht. Der ist zu klug für mich." Karitzky beschloss, viel zu lesen. „Anfangs stellte ich Kohlrausch sehr in Frage." Doch dessen Bild ist vielschichtig. „Dann stellte ich mich selbst in Frage." Mit dem Entschluss, Kohlrausch nicht als Menschen zu bewerten, sondern als Strafjuristen darzustellen, ging es dann.

Dessen Karriere begann als Professor in Königsberg und Straßburg. „Er war fleißig, aber keine große Nummer", erläutert Karitzky. „Seine Stunde schlug in der Niederlage." 1919 wurde Kohlrausch an die Friedrich-Wilhelms-Universität – die spätere Humboldt-Universität – berufen. Dort wurde er schnell zum dominierenden Strafrechtswissenschaftler der Weimarer Republik und schließlich im Oktober 1932 zum Rektor der Hochschule gewählt. Im Mai 1933 legte Kohlrausch dieses Amt aber wegen Unruhen in der Universität schon wieder nieder.

„Er war niemals in der NSDAP und hat sich selbst nach 1945 als Liberalen bezeichnet", erklärt Karitzky. Seine Anhänger stellten Kohlrausch gerne als Widerstandskämpfer dar. Das sei er nicht gewesen, aber wohl auch kein Nazi. Dennoch: Sein Verhältnis zu den Juden bleibt unklar. Zwar rührte er keinen Finger, als nach 14 Jahren enger Zusammenarbeit James Goldschmitt gezwungen wurde, die Universität zu verlassen. Kohlrausch erreichte aber, dass viele seiner jüdischen Studierenden promovieren durften. Kohlrauschs bedeutendste Tätigkeit in den 30-er Jahren war jedoch seine Mitarbeit in jener Kommission, die das Strafrecht für das nationalsozialistische Deutschland ausarbeiten sollte. „Am Beispiel Kohlrauschs wird die Illusion deutlich, in einer politischen Kommission wissenschaftliche Kriminalpolitik betreiben zu können", erläutert Karitzky. „Die Strafrechtswissenschaft sollte nicht zu nah an die Politik gehen." Nach dem Krieg arbeitete Kohlrausch dann für Amerikaner wie Sowjets.

Holger Karitzky sucht inzwischen Arbeit. Auch seine Frau Narina ist Juristin und machte vor kurzem ihren Abschluss an der Universität in Moskau. Im Mai 2001 wurde ihre Tochter Emma geboren. „Es hört sich komisch an", sagt der Jurist und lächelt. „Eigentlich fühle ich mich viel mehr als Praktiker. Die Dissertation hat mir bislang noch kein Glück gebracht. Die Praktiker halten mich wohl nur für einen guten Wissenschaftler.“

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