Zeitung Heute : Kohls Autorität und das Prinzip: Psst!

THOMAS KRÖTER

CDU-Parteitag in Leipzig: Widerworte werden nicht geduldet.Der Anerkennung für Helmut Kohl Ausdruck geben, das ist die Bestimmung des Parteitags.VON THOMAS KRÖTERAutorität, so der Schriftsteller Adolf Muschg auf dem Bonner Germanistentag, "bedarf, um sich zu etablieren, wenigstens eines Scheins von Widerspruch." Wenn eine Autorität in Deutschland als "etabliert" gelten darf, dann die Helmut Kohls in der CDU.Dennoch tut auch ihm die Bestätigung durch den vorsichtigen bis vorwitzigen Widerspruch gut, den einige jüngere Herrn aus der Führungsreserve seiner Partei ihm zuteil werden lassen.Das Ritual gehört zum Normalvollzug christlich-demokratischen Familienlebens wie der Wunschzettel zu Weihnachten.Vor dem Höhepunkt im Jahreskanon, vulgo: Bundesparteitag, pflegt der Nachwuchs kundzutun, was er zum Feste gern so alles hätte.Der feine Unterschied zu den Kindern daheim: Die Bengels meckern nicht nur darüber, was sie realistischerweise an Gaben erwarten dürfen, mancher räsoniert unschicklicherweise schon über die Zeit, wenn Vattern nicht mehr ist, mahnt gar sein Legat im Testament an.Spätestens an dieser Stelle manifestiert sich Autorität in dem Satz: Psst, darüber spricht man nicht! Solange dies Tabu gilt, ist sie gesichert.Dabei kommt Autorität, so wiederum Adolf Muschg, im Unterschied zu bloßer Macht, "nie ohne Referenz" aus.Auf Deutsch: Zu ihrer Durchsetzung reicht Zwang nicht hin.Sie ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit; sie will, sie muß anerkannt sein.Dieser Anerkennung Ausdruck zu geben, ist die Bestimmung des CDU-Parteitags in Leipzig.Dazu bedarf eine Autorität von der Unangefochtenheit Helmut Kohls keiner Wahl.Im Gegenteil.Seine Bestätigung im Parteivorsitz steht turnusgemäß nicht an.Seine Kanzlerkandidatur hat er fernsehunmittelbar dem Volk kundgetan.Der Parteivorstand hat sie zustimmend zur Kenntnis genommen.Die Hoheitlichkeit dieses Aktes und damit die Aura der Autorität könnte durch so profane Handlungen wie das Erheben von Stimmkarten oder deren Versenkung in Wahlurnen nur Schaden nehmen.Angesagt ist dreierlei: Huldigung, Huldigung, Huldigung - gemessen in Phonstärke, Länge und Intensität der Beifallskundgebungen für den großen Vorsitzenden. Anders als in Fernsehshows muß dazu niemand mit dem Schild "Beifall" durch die Reihen in den Leipziger Messehallen streichen.Die 1001 Delegierten sind mehr als beifallsbereit, sie sind beifalls(sehn)süchtig.Sie wollen nicht hören, daß Helmut Kohl 67 Jahre ist, erste Altersflecken nicht mehr verbergen kann und auch nach gewonnener Bundestagswahl ansteht, was er zuvor noch einmal aufgeschoben hat: Der Abschied von seiner Autorität.Wer daran erinnert, daß der Kaiser im Mantel der Geschichte zwar nicht nackt, aber sterblich ist, und wer sich öffentlich über die Regelung der Erbfolge Gedanken macht, wie Klaus Escher, der Vorsitzende der Jungen Union, der wird selbst von Generationsgenossen in die Schranken des Tabus verwiesen.Der Bruch mit ihm hat keine Chance - nicht mehr, noch nicht und zu recht nicht.Denn der abgenudelte Satz ist aktueller denn je: Helmut Kohl i s t die CDU.Zu Adenauers Zeiten mag sie Kanzlerpartei gewesen sein, heute ist sie Kohl-Partei. Kaum weniger gilt dies für das Bonner Bündnis.CDU, CSU und FDP steht dran.Doch es handelt sich um eine Kohl-Koalition.Nur der Kanzler bringt die Schwerkraft auf, jene Fliehkräfte zu binden, die sich in 15jähriger Regierungszusammenarbeit entwickelt haben.Und nur Helmut Kohl hat in dieser Koalition über die eigenen Kreise hinaus die Autorität, noch die bittersten Probleme der Praxis mit den wichtigsten Gewürzen zu überzuckern, die Politik zu produzieren in der Lage ist: Sicherheit und Vertrauen.Deswegen handelt es sich nicht bloß um die typische Flucht abgenutzter Regime in die Außenpolitik, wenn seine Regierung 1998 das gezielte Projekt des Euro in den Mittelpunkt der Wiederwahlkampagne stellt.Die gemeinsame Währung wird auch den Binnendruck auf politische und soziale Veränderung verschärfen.Gerade weil das Volk sich am Ende drein schickt, so die Spekulation des Rekord-Kanzlers, wächst der Bedarf nach Kontinuität: Wenn die D-Mark schon geht, muß Helmut Kohl wenigstens bleiben! Die Ouvertüre zu dieser Wahlkampfoper wird in Leipzig gespielt.Das Risiko der Inszenierung: Im Unterschied zu den CDU-Mitgliedern hat der große Rest der Bürgerschaft eine Alternative. Wenn er nur schon wüßte, welche.

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