Zeitung Heute : Kohls Regel für die Zeit nach Kohl

CARSTEN GERMIS

Der Bundeskanzler gibt seinen Wunschnachfolger per Fernsehinterview kurz nach dem Parteitag in Leipzig bekannt.Es ist der Fraktionsvorsitzende Schäuble.VON CARSTEN GERMISParteitage sind schön.Schöner noch ist das Fernsehen.Kaum war der letzte Klatscher der 1001 Delegierten auf dem Leipziger Parteitag am Mittwoch verhallt, da eröffnet ausgerechnet der Parteivorsitzende das nächste Kapitel in der Personaldebatte der Union.Einmal will er es noch wissen.Doch die Lust, nach einer gewonnenen Bundestagswahl 1998 noch einmal vier Jahre lang durchzuhalten, ist gering.Kraftlos wirkte der Kanzler in Leipzig.Von Aufbruchstimmung keine Spur.Vielleicht hat er auch deswegen per Fernsehinterview bekanntgegeben, wer ihm nachfolgen soll.Die Delegierten haben Kohl gefeiert, weil sie ihn um beinahe jeden Preis feiern wollten.Kaum zurückgekommen in die eigenen vier Wände, überrascht sie der Chef im Wohnzimmer von der Mattscheibe: Nach Kohl, so er gewinnt, kommt Schäuble ins Kanzleramt, und lange wird das nicht mehr dauern. Nimmt man die Breite seines Lächelns als Gradmesser, dann muß Helmut Kohl mit dem Verlauf des Leipziger Parteitags dennoch mehr als zufrieden sein.Vor allem herrscht wieder Ruhe in der Union.Vergessen sind die innerparteiliche Kritik am Parteivorsitzenden und der Frust über das Erscheinungsbild der CDU in der Bonner Koalition, die in den Tagen vor dem Leipziger Treffen die Schlagzeilen bestimmten.Der Kanzler hat das Problem gelöst, indem er es schlicht ignorierte.Aussitzen nennt man das wohl, und es war nicht schwer.Der Opposition gegen den übermächtigen Vorsitzenden fehlten auf dem Parteitag schlicht die Oppositionellen.Nicht die Schwächung Helmut Kohls wollten die 1001 Delegierten, sondern seine Erhöhung.Dennoch ist die von vielen erwartete Krönungsmesse für Helmut Kohl in Leipzig ausgeblieben.In der nüchternen Atmosphäre der futuristisch anmutenden Messehallen sprach der Kanzler allein das Gefühl der Basis an.Er erinnerte an die deutsche Einheit, beschwor mit viel Emotion die Vision des vereinten Europas und verharrte dabei doch im Unbestimmt-Unverbindlichen.Aufbruchstimmung schafft das nicht. Wieder einmal blieb es Fraktionschef Wolfgang Schäuble überlassen, die Leerstellen zu füllen, die der Vorsitzende offenließ.Mit Helmut Kohl zieht die Union vielleicht ins 21.Jahrhundert.Inhalte und Strategie aber sind ohne Schäuble nicht mehr denkbar.Er tritt immer stärker wie der heimliche Chef auf, der die Richtlinien der Politik für die Partei wirklich bestimmt.Kohls Interviewäußerung hat die letzten Zweifel daran ausgeräumt.Auf Schäuble konzentrieren sich die Hoffnungen auch derer in der CDU, die die programmatische und personelle Erstarrung der Partei beklagen.Der Kanzler ahnt das.Aber er weiß auch, wie uneingeschränkt loyal Schäuble ist.Daß der Schwabe sich das Kanzleramt zutraut, ist kein Geheimnis.Kohl ist selbst nie ein überzeugter Mann der Reform, aber als Parteichef immer wieder ein Mann der Reformer gewesen.So funktioniert die Arbeitsteilung zwischen diesen beiden ungleichen Partnern.Das politische Schwergewicht Helmut Kohl fürs Gefühl, der politische Stratege Wolfgang Schäuble für den Versuch, die programmatische Erstarrung nach mehr als 15 Jahren Regierungspartei aufzubrechen. Die CDU hat sich in Leipzig solide Fundamente für die Auseinandersetzung ums Kanzleramt 1998 gelegt.Auch wenn viel von Visionen die Rede war, folgt sie pragmatisch den Weg, für den niemand so steht wie Helmut Kohl."Die Karawane zieht weiter." Nicht ohne Grund ist das einer der Lieblingssätze des CDU-Vorsitzenden.Nach einem Vierteljahrhundert an der Spitze einer Partei darf man wohl mehr Kraft zur Innovation nicht erwarten.Das Erfolgsmodell Kohl hält die Union zusammen, obwohl die Bindekraft der Volksparteien wegen der Pluralisierung der Lebensformen überall schwächer wird.Konflikte schimmern so zwar immer wieder durch.Aber sie werden, wie in Leipzig, unter den Teppich gekehrt statt ausgetragen - um das Erfolgsmodell und den, der es verkörpert, nicht zu gefährden.Weil er Erfolg hat, will sich die CDU vom politischen Dinosaurier Helmut Kohl auch ins 21.Jahrhundert führen lassen.Die Warnung, daß dies ein großes Risiko sein könnte, verdanken die 1001 Leipziger Delegierten ausgerechnet einer Bemerkung Wolfgang Schäubles: Dinosaurier sind nicht zukunftsfähig.Selbst da sind sich Kohl und Schäuble offenkundig einig.

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