Zeitung Heute : Kohouts Lokalpossen

VANESSA LIERTZ

Diskussion mit dem Schriftsteller um postsozialistische PlŠtzeVANESSA LIERTZWohin zieht es den StŠdter von morgen, wenn er flanieren, an einem Platz verweilen mšchte? Pavel Kohout wŸnscht sich auch von modernen Architekten eine Altstadt.Ihn locken verwinkelte DŠcher, kleine GeschŠfte, CafŽs und Bars, in denen er "bei einem Drink seine Schuhe reparieren lassen kann".So sprach der tschechische Schriftsteller wŠhrend einer Podiumsdiskussion im StaatsratsgebŠude: Er lieferte provozierende "Possen" zur Frage, wie šffentlicher Raum nach dem Untergang des Sozialismus auszusehen hat.Zu dem Abend hatte Senatsbaudirektorin Barbara Jakubeit eingeladen.StŠdte sind nach Kohouts Ansicht im "sogenannten" Sozialismus in einem "Kahlschlag" fŸr ideologische Zwecke konzipiert worden.PlŠtze oder Stra§enzŸge hŠtten die EntscheidungstrŠger geplant, um Paraden zu inszenieren, nicht Horte des Verweilens. Anders sieht das die ostdeutsche Architekturhistorikern Simone Hain, die den "informellen Charakter" des šffentlichen Raums im Sozialismus lobt und vermi§t.PlŠtze in der DDR hŠtten mehr zu freundschaftlichem Plausch animiert als anonyme GeschŠftsstra§en westlicher Cities.Jene Orte hŠtten ein kollektives GefŸhl erzeugt (empšrte Zwischenrufe!).Hain warnte davor, das sozialistische Stadterbe zu zerstšren, Kohout nicht.Der gab aber auch zu bedenken, da§ die kapitalistischen Bauinvestoren selten mit GemŸt planten.Der Idealtypus einer Gro§stadt mŸsse drei Kriterien genŸgen: Sie solle KontinuitŠt vermitteln, indem sie sich ihren BŸrgern einprŠge als etwas, "das immer schon so war und immer so sein wird" - und damit Geborgenheit ausstrahlen; deswegen sei Denkmalschutz wichtig.†berdies mŸ§ten "sichtbare Zeichen der besten zeitgenšssischen Architektur" zu sehen sein.Drittens: Sie dŸrfe den BŸrger nicht durch Grš§e ersticken, sondern mŸsse "Schlupfwinkel" bieten. Wie diese drei Ziele miteinander zu vereinen, auf das Beispiel Mitte zu Ÿbertragen seien, blieb offen.Moderator Peter Schwarz fragte wenig und redete viel.Dennoch gelang es Werner Oechslin, Professor fŸr Architekturgeschichte und -theorie an der UniversitŠt ZŸrich, Kohouts Wunschtraum vom šffentlichen Raum - jenem neuen Altstadttypus - zu widersprechen: eine Stadt mŸsse mehr bieten als "gemŸtliche Orte zum Kaffeetrinken", sagte er.Ihre Architektur kšnne "erheben", und er sprach von "magnificenza": Gro§artigkeit.In diesem Sinne mŸsse Berlins Mitte "inszeniert" werden, und zwar nicht von verschiedenen Kleingruppen als Folge weiterer "lokaler Possen".Er empfahl ein Referendum.Falls BŸrger, Politiker und Investoren dazu nicht in der Lage seien, schlug er vor, zu warten, bis andere kommen".Architekt Gustav Peichl kritisierte, da§ Berliner ihre BauaktivitŠten vorwiegend aus wirtschaftlicher und viel zu wenig aus kultureller Sicht betrachteten.Der Wiener, fŸr den Bau der Bonner Kunsthalle verantwortlich, beneidet die Berliner nicht: Internationale "Champions" bauten Ÿberall.Aber "entsteht jene Stadt, die dem Wohl des Menschen dient?" Ein konfuser, unterhaltsamer Abend.Schon zu Beginn hatte Kohout prophezeit: er habe es noch nie erlebt und glaubte auch bei dieser Podiumsdiskussion nicht, da§ jemand in TrŠnen ausbrechen oder sich gar in der Toilette erschie§en werde, weil sein Weltbild zusammengebrochen sei; er behielt recht. 

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