Kolumne: Christine Lemke-Matwey graust’s vor gar nichts : Ich schnurre und flöte mit der Polizei

von
Christine Lemke-Matwey
Foto: Mike Wolff

Also, ich würde ja nie bei Rot über die Ampel fahren. (Keine Angst: Dies wird keine Käßmann-Kolumne, auch wenn sich das so hübsch stabreimt.)

Unlängst habe ich mal die Ampeln gezählt, die meinen Fahrradweg in die Redaktion säumen. Es sind 18. (NEIN, auch keine Westerwilli- Weichwurst-Kolumne!) 18 Gründe, schon wieder zu spät zu kommen. 18 ganz schlechte Orakel. Von diesen 18 Ampeln ist, pah, ein Drittel überflüssig und einzig der Heckenschützenmentalität des Landes Berlin geschuldet. Sechs hin, sechs zurück: zwölf Ampeln, die mein tägliches Bruttosozialprodukt senken. Veranschlagt man pro Ampel nur 30 Sekunden sinnloses Verharren, macht das in zehn Jahren mehr als neun ganze Tage alias 230 Stunden alias 13 800 Minuten, die ich sinnlos verharrt habe respektive hätte verharren sollen, ich lege diese Rechnung jederzeit gerne offen. Volkswirtschaftlich jedenfalls wundert mich nichts.

So gesehen kann ich mir die winzige Voreiligkeit, die mich unlängst über eine noch nicht ganz gelbe Ampel trieb, kaum ernsthaft verübeln. Die sechs (!) Insassen der grünen Minna hinter mir sahen das naturgemäß anders. Zwei stiegen aus, einer machte den Sheriff, der andere eröffnete das Gespräch. Er: Ihren Ausweis bitte, ich möchte Sie gern mit Namen ansprechen. Ich (flötend): Hab’ ich was verbrochen? Er: Sie kennen die Straßenverkehrsordnung? Ich (säuselnd): Selbstverständlich, Herr Wachtmeister, innerstädtisch nie schneller als 50 km/h. Er: Sie sind bei Rot über die Ampel gefahren. Ich (stärker säuselnd): Darf ich Sie bitte auch mit Namen ansprechen? Er: Soundso, Polizei Berlin. Sie haben gesehen, dass die Ampel rot war? Ich (keck): Herr Wachtmeister Soundso, Polizei Berlin, mein Bruttosozialprodukt ... Er: Diese Ordnungswidrigkeit zieht einen Punkt in Flensburg nach sich sowie 100 bis 200 Euro Bußgeld. Ich (nüchtern): 100 oder 200? Er: Ich kann da lediglich eine Empfehlung abgeben. Ich (neuerlich flötend): Und wie wird Ihre Empfehlung lauten? Er: 200. Ich (schnurrend): Und wenn Sie jetzt lieb wären, Herr Wachtmeister? Er: Sie haben ein Recht darauf, objektiv beurteilt zu werden.

Die müssen bei der Polizei Berlin ihr Dienst-Make-up mit Domestos- Grotbuster versetzen. So lange kann man nicht keine Miene verziehen.

Ich kürze ab. Nach Wochen, die die Hoffnung sprießen ließen, an mir wäre bloß „Kommunikation im öffentlichen Raum“ geübt worden, trudelte die Buße ein (100 Euro). Und nachdem ich mir aus dem Internet den „Antrag auf Auskunft aus dem Verkehrszentralregister“ gefischt und diesen inklusive „Beglaubigungsvermerk einer siegelführenden Stelle“ per Post gen Flensburg geschafft hatte, wurde mir auch mein Punkt (1) bestätigt. Mit vier bis sieben Punkten beim KBA (Kraftfahrtbundesamt), tja, da darf man in Gruppenseminaren die eigene Einstellung zum Straßenverkehr überdenken und aktiv Punkte tilgen (für 150 € bis 400 €). Bei 14 bis 17 Punkten ist das sogar Pflicht. Nur bei einem Punkt geht nichts. Schandfleck bleibt Schandfleck. Hugh.

Zwei Strategien fallen mir dazu ein: Entweder ich ergattere drei weitere Pünktchen (mithilfe von etwas Schampus vielleicht zur morgendlichen Kreislaufankurbelung). Oder ich lese das Burnout-Buch von Miriam Meckel. Da geht es auch um rote Ampeln, die man im Leben gerade nicht brauchen kann, und plötzlich streckt einer die Kelle raus, Polizei Berlin, und man kriegt „Inaktivitätstage“ aufgebrummt – im Allgäu! Da ich das nicht will, werde ich in den nächsten 24 Monaten (so lange bleibt der Schandfleck kleben) total straßenverkehrsordnungskonform sein und unauffällig. Mein neuer digitaler Rückspiegel leistet mir dabei übrigens auch volkswirtschaftlich ganz hervorragende Dienste.

Hier schreiben im Wechsel: Moritz Rinke, Elena Senft, Jens Mühling und Christine Lemke-Matwey.

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