Kolumne : Darwins Medizin

Unser Gesundheitsexperte Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Was die Evolution über Krankheiten verrät.

Hartmut Wewetzer
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Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Vor 150 Jahren erschien „Der Ursprung der Arten“ von Charles Darwin. Seine Evolutionstheorie revolutionierte die Biologie. Vor Darwin war die Natur eine Art Kuriositätenkabinett gewesen, ein Kramladen voller mehr oder weniger skurriler Lebewesen. Nun ergab plötzlich alles einen Sinn: Tiere und Pflanzen waren das Ergebnis eines umfassenden Prozesses aus Verwandlung und Anpassung.

Umso erstaunlicher, dass die Medizin von der Evolution kaum etwas wissen will. In ihren Augen ist der Körper eher eine Maschine. Hat sie einen Defekt, ist ein Gelenk locker oder ein Pumpenventil undicht, so muss die Maschine repariert werden. Diese Vorstellung ist Randolph Nesse ein Dorn im Auge. „Sie können einen besseren Körper an einem Nachmittag entwerfen“, spottet der Mediziner von der Universität von Michigan.

Die Designmängel der Maschine Mensch sind unübersehbar: etwa der überflüssige und potenziell lebensbedrohliche Wurmfortsatz („Blinddarm“), der enge Geburtskanal, Weisheitszähne und ein Augapfel, dessen lichtempfindliche Sinneszellen durch darüber liegende Zellschichten in ihrer Arbeit behindert werden – eigentlich absurd. Diese offensichtlichen Konstruktionsschwächen lassen sich nur verstehen, wenn man sie vor dem Hintergrund der Evolution betrachtet. Unser Körper ist ein Kompromiss, ein Produkt der natürlichen Selektion. Im Vordergrund steht eher Vermehrung, nicht Gesundheit.

Diese Erkenntnis kann helfen, viele Krankheiten besser zu verstehen und vielleicht eines Tages auch besser zu behandeln. Der Amerikaner Randolph Nesse steht an der Spitze einer kleinen Gruppe von Medizinern und Wissenschaftlern, die einer solchen evolutionären Medizin zum Durchbruch verhelfen wollen.

Einblicke vermittelt die „Darwin-Medizin“ zuhauf. So gelten Fieber, Husten, Übelkeit, Durchfall und Erbrechen in der Medizin als Symptome von Krankheiten – man kann sie aber auch als Abwehrreaktionen des Körpers verstehen, die man nicht immer und um jeden Preis unterdrücken sollte. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass Allergien das Risiko für bestimmte Krebsarten senken.

Weiteres Beispiel: Mikroben, die uns ans Leder wollen und mit denen sich unser Immunsystem einen evolutionären Rüstungswettlauf liefert. Zwar sind akute Infektionen gut zu behandeln, doch können Viren und Bakterien chronische Krankheiten auslösen oder verstärken, etwa Magengeschwüre. Auch bei der Arteriosklerose, Gefäßverkalkung, sind möglicherweise Bakterien beteiligt.

Doch birgt auch das Verschwinden von Gefahren seinerseits Gefahren. Die moderne Hygiene hat Gesundheit und Lebenserwartung drastisch erhöht. Auch der Wurmbefall gehört der Vergangenheit an. Vermutlich führt das jedoch dazu, dass die „arbeitslose“ Immunabwehr handgreiflich gegen den eigenen Körper wird und sich Leiden wie Diabetes oder chronische Darmentzündungen häufen. Vielleicht kann die Darwin-Medizin eines Tages ein Gegenmittel anbieten. Eine Wurmkur, gewissermaßen.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

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