Kolumne : Die allberechnenden Barbaren

... sammelt Erinnerungen an die Gegenwart

Moritz Rinke ...

Wenn Guido Westerwelle seine Memoiren herausbringt, dann werden wir uns wieder an Japan und Fukushima erinnern: „Ich musste zurücktreten als Vorsitzender der FDP wegen eines Erdbebens in Japan!“ In Angela Merkels Memoiren könnte es heißen: „Baden-Württemberg – der Anfang vom Ende – verloren wir wegen Fukushima und Rainer Brüderle!“

Falls jemals Brüderle seine Memoiren herausbringen würde, dann könnte es lauten: „Als ich beim BDI zu Protokoll gab, dass die Atomwende der Koalition ein Wahlkampfmanöver sei, hatte ich recht. Aber geliebt ist nur der Verrat, nicht der Verräter! Letztlich wurde ich als Wirtschaftsminister entsorgt, weil ich die Wahrheit über die Folgen von Fukushima sagte!“

Mein Gott, wenn das Erdbeben wüsste, was es in Deutschland angerichtet hat... Ein Chronist könnte den Irrsinn noch weiterführen: Während die Japaner um ihr Leben kämpften, kämpften die Deutschen um ihre Ämter. Die Kanzlerin, die gerade die Laufzeiten der deutschen Kernreaktoren um 14 Jahre verlängert hatte, wollte plötzlich noch schneller aussteigen als Rot-Grün. Es war wirklich, als wolle der Papst die Pille im Vatikan verkaufen. Und auch Westerwelle glaubte, dass ihm durch Japan die Felle für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz davonschwimmen würden.

Da kam ihm Libyen als Außenminister und als Fukushima-geschädigter Parteivorsitzender nur gerade recht. 2002 hatte er noch Gerhard Schröder für sein Nein zum Irak-Krieg vorgeworfen, er würde das Ende der Anti-Terror-Allianz herbeiführen und Deutschland isolieren, nun setzte er selbst auf die friedenspolitische Karte, isolierte Deutschland und enthielt sich im UN-Sicherheitsrat der Stimme gegen den Völkermord. Mittlerweile war in Deutschland das Leid und der Schrecken in der Welt so sehr instrumentalisiert und personell vermixt, dass man kaum noch Raum fand, Anteil an den Schicksalen anderer zu nehmen. Man sah nur noch die Bilder der Instrumentalisten. Und auch, dass sich die Erde seit dem Beben schneller drehte und die Menschen jeden Tag schneller alterten, fiel den Nur-Um-Sich-Selbst-Drehenden gar nicht auf...

Es gab schon einmal einen Chronisten, den „Hyperion“ von Hölderlin, der das Leben in Deutschland nicht ertragen konnte und aus Griechenland seinem deutschen Freund schrieb: „Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlichrein sich meist erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zweck, da sucht es seinen Nutzen...“

Man müsste eigentlich diesen Hölderlin-Text in jeder deutschen Nachrichten-Sendung oder Talkshow als Laufband senden (Breaking News!). Oder auf dem nächsten Parteitag der FDP immer wieder dazwischenrufen, wenn all die Lindners, Bahrs und Röslers ihren Nutzen suchen.

Letzte Woche sah ich Hölderlin in Gestalt von Gerhart Baum in einer dieser handwerktreibenden Talkshows. Er saß da wie der letzte Sozialethiker der Liberalen neben einem dieser jungen, allberechnenden FDP-Abgerichteten in Schlips und schnittiger Frisur. Wenn Baum die geistige Kraft seiner Partei zurückforderte, sprachen die anderen über Personalien. Wenn Baum sagte, dass man sich als Liberaler auch verhalten solle zur Globalisierung oder dem Internet, sprachen die anderen über Personalien. Und manchmal, wenn Baum unterbrochen wurde, schien es, als habe er Tränen in den Augen.

Hier schreiben abwechselnd:

Elena Senft, Jens Mühling, Christine Lemke-Matwey, Moritz Rinke.

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