Kolumne: Die halbe Wahrheit : Mein Ärger mit dem Hauspersonal

Wäschewaschen ist toll, so herrlich konstruktiv. Wäscheaufhängen dagegen machte mir lange Zeit keinen Spaß.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Wäschewaschen ist toll, so herrlich konstruktiv. Wäscheaufhängen dagegen machte mir lange Zeit keinen Spaß. Jeder, der schon mal versucht hat, ein ordinäres Spannbettlaken an einem Wäscheständer von Conny’s Container zu befestigen, weiß, was ich meine.

Mein alter Wäscheständer hat mich immer schlimm aufgeregt. Ich hatte zeitweise das Gefühl, er will mich fressen, fesseln oder foltern. Wollte ich ihn aufklappen, klemmte er mir regelmäßig die Finger ein. Stand er einfach so da, warf er kleinere, glatte Wäschestücke trotzig ab. Wenn ich ihn nach getaner Arbeit zusammengeklappt an die Wand stellen wollte, brach er mit einem divenhaften Scheppern in sich zusammen. Ich mag eigentlich keinen solchen Riesenärger mit dem Hauspersonal.

Am vergangenen Samstag hatte ich einen unverhofften Geistesblitz: Warum nicht in einen neuen, stabilen Wäscheständer investieren?

Im Kaufhaus fiel ich aus allen Wolken. Dort gab es ein beachtliches Sortiment, ich liebäugelte mit den Modellen „Pegasus“ und „Condor“. Schließlich entschied ich mich für „Pegasus“, der bis zu 50 Kilo nasse Wäsche tragen kann.

Zufrieden zerrte ich das Ding nach Hause. Dann der Schock: Ich hatte plötzlich Gefühle für den alten Wäscheständer.

„Es ist nur ein Wäscheständer“, folgerte meine Freundin, die ich eilends einbestellt hatte, nach flüchtigem Betrachten, „ein schrottreifer Wäscheständer, wenn du mich fragst. Du musst dich von ihm trennen.“

Ich sagte: „Ich weiß nicht. Schau doch mal, wie traurig er aussieht. Es wäre ein Zeichen großer emotionaler Kälte, den Alten rauszuschmeißen.“

Meine Freundin tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn, nahm den alten Wäscheständer und warf ihn mehr, als dass sie ihn stellte, neben die Mülltonnen im Hof. Er schepperte.

Stille.

Dann ein deutlich leiseres Scheppern, fast das Fiepen eines ausgesetzten Welpen.

Meine Freundin tat so, als hätte sie nichts gehört.

Die Müllabfuhr kam am nächsten Morgen und leerte die Tonnen. Dass sie den Wäscheständer nicht mitgenommen hatte, bemerkte ich erst abends: Vier weiße Metallbeine ragten vorwurfsvoll ins Halbdunkel.

Ich schleifte den alten Wäscheständer wieder in die Wohnung zurück, schepperschepper, und fixierte seine müden Gelenke kurz entschlossen mit Gaffa-Tape. „Pegasus“ wandte sich ungerührt ab, beachtete seinen in die Jahre gekommenen Kollegen nicht weiter.

Ich fühlte mich wie die Chefin einer Firma vor einem wichtigen Personalgespräch: Wie sollte ich dem jungen, topqualifizierten Mitarbeiter erklären, dass Erfahrung zählt, und gleichzeitig dem Alten, dass man sich durchaus sinnvollen Innovationen auf dem Nasswäschemarkt nicht verschließen darf?

„Passt auf“, so begann meine Grundsatzrede an die beiden nun auf einmal konkurrierenden Wäscheständer. „In der Krise zählen letztendlich nur Leistung und Flexibilität. Doch auch das sozialverträgliche Miteinander von Alt und Jung darf nicht zu kurz kommen. In diesem Sinne wünsche ich mir, dass ihr in unserem gemeinsamen Kampf gegen klamme Küchenhandtücher ein verlässliches Team bildet.“

In „Pegasus“’ Blick lag eine Art alarmierte Verständnislosigkeit, der Alte wirkte trotz seiner geschienten Beine kraftlos.

Energisch warf ich eine Maschine Buntwäsche an. Mir ging es sofort besser.

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