Kolumne: Die halbe Wahrheit : Münster / Westf.

Manche Städte sind wie alte Freunde, die man selten trifft.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom.Foto: Doris Klaas

Manche Städte sind wie alte Freunde, die man selten trifft. Und wenn man sie dann doch endlich wiedersieht, ist es so, als wäre man niemals voneinander getrennt gewesen. Denn durch sie gewinnt man eine leise Ahnung davon, wer man einmal gewesen sein könnte.

So ging es mir jetzt bei einem Besuch in Münster. An Münster ist vieles ganz toll – zum Beispiel die vielen gut ausgeleuchteten Fahrradwege, die Natur, der Markt, Schwarzbrot mit Käse und Rübenkraut, die H-Blockx und natürlich der „Tatort“. Doch leider erinnerte mich Münster wieder an meine schrecklichen Studentenjobs, die ich dort verrichtete.

Da war der Job im Buchladen. Eine ganze Weihnachtssaison lang habe ich statt selbst zu lesen fremde Bücher in Geschenkpapier eingewickelt. Ich machte Feldstudien zu den Themenfeldern: Tesafilm lieber auf Vorrat abreißen? Welche Schleifenfarbe wünscht sich welcher Kunde und warum? Weshalb verschenken so viele grauhaarige Herren Fetisch-Bildbände aus dem „Taschen“-Verlag?

Da war der Job im Spielwarenladen mit angrenzendem Elternbedarf. An meinem ersten Tag musste ich einer Mutter ein Babytragetuch anlegen, was zu fürchterlichen Verwicklungen führte. Auch über die Funktionsweise eines Still-Büstenhalters hatte ich mir bis dato ebenso wenig Gedanken gemacht wie über altersgerechtes Lernspielzeug.

Da war der Job als Anstreicherin. Dort, wo mir der Farbeimer vom Fahrradgepäckträger fiel, kann man noch heute einen großen weißen Fleck auf dem Pflaster besichtigen.

Da war der Job bei einer Fernsehproduktionsfirma. Ich hatte Gäste zu chauffieren. Einmal musste ich eine Drag Queen fahren, die mit ihrer Turmfrisur nicht ins Auto passte. Ich hielt mich für geschickt und öffnete das Schiebedach, was sich jedoch während der Fahrt über die Hammer Straße ohne Vorankündigung wieder schloss.

Wunderschönes Münster. 2004 wurde die Stadt tatsächlich zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt – noch vor San Francisco, Paris und Kapstadt – wahrscheinlich, weil ich endlich weggezogen war. Ich vermute, ich war das Sandkorn im Getriebe einer ansonsten perfekten Stadt, in der sich sogar die Schwäne auf dem Aasee in Tretboote ähnlichen Phänotyps verlieben. Münster und ich, wir passten damals einfach nicht zueinander.

Dass ich zum ersten Mal ans Wegziehen dachte, fing mit meiner Frisur an. Ich war sehr experimentierfreudig, und in Münster gab es einen lustigen Friseur, der das begrüßte. Meine Mitbewohnerin war es schließlich, die mich darauf hinwies, dass auf meinem Kopf keine schwarzen, kupferfarbenen und blonden Strähnchen leuchteten, sondern eine waschechte Deutschlandflagge. Beim Asta-Treffen dürfe ich so jedenfalls nicht auftauchen, wenn ich keinen Ärger wolle.

Da dachte ich: In Berlin könnte man bestimmt auch mit einem Kopf voller Nationalfarben zum Asta-Treffen gehen, ohne aufzufallen. Berlin! Das war ein Versprechen. Am Hauptbahnhof stieg ich hoffnungsfroh mit einem Rucksack, Isomatte, Schlafsack und meinem guten, alten Staubsauger in einen InterCity. An Joberfahrung konnte ich ja schon einiges vorweisen.

Ich habe Münster bei meinem jetzigen Besuch nur durch das Fenster eines Taxis gesehen. Mir fiel der blöde Spruch ein: „Münster, entweder es regnet oder die Glocken läuten.“ Es war Nacht, der Taxifahrer fuhr rasend schnell durch den Regen und die blühenden Landschaften meiner ersten Semester zogen an mir vorbei. Es war ein interessanter Film, aber ich war auch froh, als er vorbei war. Ich glaube, bald werde ich Münster noch mal bei Tageslicht betrachten.

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