Kolumne: Die Mitfahrer : Liebe auf den Vordersitzen

Sie entschuldigt sich, dass sie zu spät ist, dass wir im Regen warten mussten, im Dunkeln, auf diesem abgelegenen Parkplatz am Dresdner Bahnhof, wir hätten es gewiss eilig.

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Dieses Mal: Strecke: Dresden–Berlin Dauer: 2 Stunden Auto: Opel Astra, silber Insassen: 5.
Dieses Mal: Strecke: Dresden–Berlin Dauer: 2 Stunden Auto: Opel Astra, silber Insassen: 5.Illustration: TSP

Zwei Männer und ich – wir kennen uns nicht, wir sind die Mitfahrer – nicken. Ich sage: „Macht doch nichts.“ Die Männer schauen sich an, ich glaube, ihnen macht es was. Und dass wir jetzt zu dritt auf der engen Rückbank sitzen müssen, sagt die Fahrerin, auch das täte ihr leid, aber die Benzinkosten seien so hoch. Während sie spricht, streichelt sie den Hinterkopf eines dunkelhaarigen Mannes auf dem Beifahrersitz. Der reagiert nicht, starrt aus dem Fenster.

Natürlich muss ich hinten in der Mitte sitzen. Meine linke Körperhälfte wärmt ein Typ, der sich tief in seinen Kapuzenpulli verkriecht, meine rechte Hälfte vertraue ich einem grinsenden Riesen an. Breitbeinig sitzt er da, seine Pranken ruhen auf den tellergroßen Knien, seine breite Schulter verhindert, dass ich mich zurücklehne. Ich schlage die Beine übereinander, stütze beide Ellenbogen auf ein Knie. Der Riese ist unterwegs zu „Europas größter Sportlerparty“. Spontan nach Berlin aufgebrochen, weil in Dresden heute Abend nichts mehr geht, wenn ich das richtig verstehe. Mein Sächsisch ist nicht mehr so gut wie in meinen Dresdner Studientagen, und der stumme Beifahrer hat gerade spanischen Grunge aufgedreht.

Nach ein paar Minuten merke ich, wie meine linke Pobacke zu kribbeln beginnt. Können Pobacken einschlafen? Der Kapuzenträger dreht jetzt seinen Kopf in meine Richtung. Ich rieche Döner in seinem Atem, lehne mich nach vorn, beobachte das Pärchen. Sacht legt das liebe Mädchen ihren Arm auf den ihres Freundes. Der zieht die Augenbraue hoch. „What?“, zischt er. „Just touching“, sagt sie beschwichtigend. Ich frage mich, ob er krank ist und sie seine Pflegerin. Oder ob er ein Flüchtling ist, den sie in ihrer Wohnung untergebracht hat.

Das Kribbeln in meiner Pobacke wird zum Stechen. Ich denke an den Zug, den ich hätte nehmen können. Auf der Strecke Dresden–Berlin fahren oft die schönen aus Budapest, mit den roten, breiten Plüschsitzen im Speisewagen. Rindergulasch mit Nockerln, Palatschinken zum Nachtisch, einen Rotwein dazu … Das Stechen wird stärker. Ich glaube, es ist ein Krampf. Das liebe Mädchen nimmt eine Ausfahrt, wortlos wechselt sie mit dem Stummen die Plätze, ihr Freund fährt jetzt. Wahrscheinlich ist er doch kein traumatisierter Flüchtling.

Berlin. Der Kapuzenträger ist aufgewacht, das Pärchen soll gefälligst halten, er sei spät dran. Der Hüne fragt nach dem Weg zur Sportlerparty. Ich gebe dem lieben Mädchen zehn Euro und humple nach Hause.

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