Kolumne : Die Pille für die Blutfette

Unser Gesundheitsexperte Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wann es sinnvoll ist, etwas gegen sein Cholesterin zu tun

Hartmut Wewetzer
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Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Eine Leserin fragt, ob ihre Freundin wirklich ein cholesterinsenkendes Medikament nehmen muss – obwohl sie sonst ganz gesund ist. Solche Gedanken werden sich viele machen, denn der Verbrauch der Cholesterinsenker hat sich in den letzten zwölf Jahren verfünffacht. Glaubt man den Fachleuten, erhalten aber noch längst nicht alle, denen es nützen könnte, diese Präparate. Etwa jeder zehnte Bundesbürger kommt in Frage. Ganz überwiegend werden heute Medikamente namens Statine verschrieben. Das sind Wirkstoffe, die das „schlechte“ LDL-Cholesterin senken.

Wann sind Statine sinnvoll, wann entbehrlich? Menschen, bei denen bereits eine Gefäßverkalkung festgestellt wurde – sei es im Herzen, im Hirn, in den Beinen oder anderswo – profitieren in der Regel eindeutig von den Statinen, sagt der Berliner Herzspezialist Ralph Schoeller von der DRK-Klinik Westend. „In vielen Fällen können diese Medikamente das Leben verlängern“, sagt er. Dabei ist es nicht unbedingt von Bedeutung, ob das „böse“ Cholesterin tatsächlich erhöht ist. Denn die Statin-Medikamente haben zudem den Effekt, die verhärteten Stellen in den Gefäßen, Plaques genannt, zu stabilisieren und so der Bildung eines gefährlichen Blutgerinnsels vorzubeugen.

Schwieriger wird es, wenn die Blutgefäße noch besser in Schuss sind und es in erster Linie darum geht, der Verkalkung vorzubeugen. Mediziner sprechen von Primärprävention. Wie wichtig die Statine in dieser Phase sind, ist umstritten. „Es ist nicht sinnvoll, das Cholesterin um jeden Preis und stets zu senken“, sagt Schoeller.

Es kommt auf den Einzelfall und das individuelle „Risikoprofil“ an. Neben hohen Cholesterinwerten erhöhen Rauchen, hoher Blutdruck, Diabetes, männliches Geschlecht, Alter, deutliches Übergewicht und nicht zuletzt die genetische Veranlagung das Risiko für ein Gefäßleiden. Wer lediglich einen erhöhten Cholesterinwert hat, für den kommt ein Statin nicht unbedingt in Frage. Auch wenn ein gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung und viel Bewegung natürlich in jedem Fall sinnvoll ist.

Zu den Nebenwirkungen der Statine zählen insbesondere Muskelschmerzen. Einige weitere Medikamente können zudem das Risiko für Nebenwirkungen erhöhen. Allerdings müssen diese unerfreulichen Begleiterscheinungen im Verhältnis zum Nutzen gesetzt werden.

In dieser Woche veröffentlichten israelische Mediziner um Varda Shalev von der Universität Tel Aviv im Fachblatt „Archives of Internal Medicine“ eine große Untersuchung über Statine, die den positiven Trend bestätigt. Danach senken die Medikamente bei regelmäßiger Einnahme das Sterberisiko in den nächsten Jahren deutlich. Und das sowohl bei Patienten, die bereits herzkrank sind wie auch bei solchen, die die Medikamente lediglich zur Vorbeugung nehmen. Allerdings hat die Untersuchung den Nachteil, dass in ihr Patientendaten nur im Rückblick ausgewertet wurden. Wissenschaftlich genügt sie damit nicht höchsten Ansprüchen. Die Diskussion wird also weitergehen.

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