Kolumne: Dr. WEWETZER : Der Gentest, der Leben rettet

05.09.2010 02:00 UhrVon Hartmut Wewetzer
Wewetzer Foto: Kai-Uwe Heinrich
Hartmut Wewetzer. - Foto: Kai-Uwe Heinrich

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Der verhütete Brustkrebs

Brustkrebs liegt manchmal in den Genen. Bei etwa jeder zehnten bis 20. Erkrankung sind die Brustkrebsgene BRCA1 und BRCA2 mit im Spiel. In Deutschland betrifft das im Jahr 3000 bis 5000 Frauen, schätzt Michael Untch, Gynäkologe am Helios-Klinikum in Berlin-Buch. Wenn auch Gentests häufig fragwürdig sind – der Nachweis eines Brustkrebsgens dürfte Tausenden von Frauen schon das Leben gerettet haben.

Das belegt auch eine neue Studie, die nun im Fachblatt „Jama“ erschien.

Frauen, bei denen BRCA1 und BRCA2 genetisch verändert (mutiert) sind, erkranken irgendwann in ihrem Leben mit hoher Wahrscheinlichkeit – zwischen 56 und 84 Prozent – an Brust- oder Eierstockkrebs. Deshalb entschließen sich viele zu einem radikalen Schritt: dem vorsorglichen Entfernen von Brustdrüsen und Eierstöcken. Die Alternative besteht darin, die Organe regelmäßig auf Krebs zu untersuchen. Bei der Brust ist das mit einer Röntgenuntersuchung, der Mammografie, noch vergleichsweise einfach. Aber mit der Früherkennung von Eierstockkrebs hapert es. An der Untersuchung nahmen rund 2500 Frauen aus Europa und Nordamerika teil, die positiv auf BRCA1 oder BRCA2 getestet worden waren. Die Entfernung der Brustdrüse senkte das Krebsrisiko drastisch. In den ersten drei Jahren nach dem Eingriff wurde bei den vorsorglich operierten Frauen kein Brustkrebs festgestellt, bei den Nichtoperierten dagegen bei sieben Prozent.

Ähnliche Ergebnisse wurden durch die Eierstockentnahme erzielt, wobei diese Operation zudem das Brustkrebsrisiko senkte. Das Risiko, an Brustkrebs zu sterben, sank im Studienzeitraum von sechs auf zwei Prozent, die Sterblichkeit an Eierstockkrebs von drei auf 0,4 Prozent.

„Für mich ist die Operation immer noch zwiespältig, schließlich wird ein mutmaßlich gesundes Organ entfernt“, sagt der Gynäkologe Untch. Gleichwohl sieht er oft keine Alternative. Und dann sind da die Erfahrungen. Diese Geschichten. Etwa die von der Frau knapp über 40, der Untch vor mehr als zehn Jahren die Eierstöcke entfernte. Bei der Untersuchung des Gewebes stellte der Pathologe fest, dass der Krebs bereits ausgebrochen, aber auf den Eierstock begrenzt war. Die Operation hatte der Frau das Leben gerettet.

Ein großes Problem besteht darin, dass viele Frauen gar nicht wissen, dass es eine genetische Veranlagung für Brustkrebs gibt. Sie werden von ihrem Arzt nicht danach gefragt, ob in ihrer Familie häufiger Brust- oder Eierstockkrebs aufgetreten ist. „Warum hat mir das niemand gesagt?“ lautet die fassungslose Frage, wenn der Tumor festgestellt wird.

Inzwischen werden Medikamente erprobt, die maßgeschneidert für Patientinnen mit Brustkrebsgen sind. Die Substanzen mit Namen Parp-Inhibitoren erschweren es Brustkrebszellen mit BRCA1/2Mutation, Erbgutschäden nach einer Chemotherapie zu beheben und treiben den Krebs so in den „Selbstmord“. Gut möglich, dass der Gentest am Ende nicht nur die Erkennung, sondern auch die Behandlung von Brustkrebs revolutioniert.

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