Kolumne: Dr. Wewetzer : Jedem sein Bad im Ganges

Hand aufs Herz: Von der Kumbh-Mela-Wallfahrt haben Sie vermutlich noch nichts gehört, oder? Auch ich gestehe, dass ich bis vor kurzem zu den Unwissenden gehörte.

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Dabei ist Kumbh Mela, zu Deutsch „Fest des Kruges“, nicht nur die höchste religiöse Feier der Hindus, sondern die mit Abstand größte Menschenansammlung auf der Welt. Jedes Jahr treffen sich die Gläubigen in nordindischen Städten zur Mela, um im Ganges ein Bad in der Unsterblichkeit zu nehmen, wie es die hinduistische Mythologie vorsieht. Alle zwölf Jahre wird das Fest besonders groß begangen, als Kumbh Mela. Dann versammeln sich bis zu 70 Millionen Menschen, um gemeinsam zu baden. In Allahabad, einem der Pilgerorte, sollen an einem Tag 30 Millionen Menschen in den Ganges gestiegen sein. Sogar aus dem Weltall sind die Pilgermassen zu sehen.

Das Fest erstreckt sich über mehrere Wochen im Januar und Februar. Die Gläubigen nächtigen bei kühler Witterung in einfachen Zelten, die hygienischen Verhältnisse lassen sehr zu wünschen übrig, der Lärmpegel durch Lautsprecher-Gebete erreicht gehörschädigende Ausmaße, und der Weg in der Menschenwoge zum eiskalten Wasser dauert etliche Stunden pro Kilometer. Wer jetzt aber glaubt, den Pilgern wäre das alles eine lästige, schreckliche Pflicht, der täuscht sich. Tatsächlich genießen sie ganz überwiegend das Erlebnis, die Atmosphäre ist heiter und harmonisch, von gegenseitigem Respekt und Hilfsbereitschaft gegenüber Fremden geprägt. Von Stress keine Spur. Mehr noch: Nach der Strapaze fühlen sich die Menschen besser, selbst medizinische Probleme sind weniger spürbar.

„Das Gefühl einer gemeinsamen Identität verbessert unser körperliches und geistiges Wohlbefinden, Anzeichen schlechter Gesundheit sind nach der Pilgerfahrt weniger offensichtlich als vorher“, schreibt der Psychologe Stephen Reicher von der Universität St. Andrews in der Zeitung „Guardian“. Reicher studiert das Hindu-Fest seit sechs Jahren und hat nun Forschungsergebnisse im Online-Fachblatt „Plos One“ veröffentlicht. Er befragte Teilnehmer der Mela und verglich ihre Aussagen mit denen einer Kontrollgruppe von Personen, die zu Hause geblieben waren. Natürlich müsse man berücksichtigen, dass Massenversammlungen ihre Risiken haben, sagt Reicher – etwa ansteckende Krankheiten. Auf der anderen Seite gelte es auch einmal anzuerkennen, dass das Treffen mit Gleichgesinnten auch seine positiven Seiten hat.

Der Mensch ist eben auch ein Herdentier, und das sollte man nicht nur negativ sehen. Die Herde verleiht ihm ein stärkendes Wir-Gefühl. Ob Popkonzert oder Karneval, Kirchen- oder Parteitag, Love Parade oder Flashmob, das Glücksgefühl in der Gruppe ist wichtiger für unseren Seelenhaushalt, als wir denken. Natürlich sollte sich jeder die für ihn passende Gemeinschaft suchen. Ich bin kein großer Fan von Bob Dylan oder Bayern München, dafür zieht’s mich in die Philharmonie. Sie ist mein Bad im Ganges, und Anton Bruckner ist für mich der schönste Lärm der Welt.

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