Kolumne: Dr. Wewetzer : Kleine Eierpredigt

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Zwei Seiten eines Nahrungsmittels.

Hartmut Wewetzer
Wewetzer
Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Nicht nur zu Ostern esse ich gern Eier. Am liebsten kross gebraten. Aber da war doch was faul mit dem Ei? Richtig, das Cholesterin. Eier enthalten eine ganze Menge von dieser Substanz, ein mittelgroßes etwa 200 Milligramm, also 0,2 Gramm. Mehr als 300 Milligramm am Tag sollte man nicht zu sich nehmen. Wer jeden Tag ein Ei isst, hat also schon eine ganze Menge von seinem Cholesterin-Deputat ausgeschöpft.

Natürlich denkt man bei „Cholesterin“ sofort an Herzinfarkt und Schlaganfall. Wer jetzt den Eierlöffel entmutigt sinken lässt, handelt allerdings vorschnell. „Es ist niemals wissenschaftlich belegt worden, dass Menschen, die mehr Eier essen, auch mehr Herzinfarkte haben als solche, die nur wenige zu sich nehmen“, sagt der amerikanische Ernährungsforscher Walter Willett von der Harvard-Universität. „Man braucht sich nicht schuldig zu fühlen, wenn man sie isst.“ Cholesterin nicht gleich Cholesterin. Die Wirklichkeit ist komplizierter.

Cholesterin selbst ist gar kein Fett, sondern eine weiche, wächserne Substanz. Zusätzlich zu den etwa 0,3 Gramm, die man täglich mit dem Essen aufnimmt, bildet der Körper selbst etwa ein Gramm Cholesterin. Potenziell gefährlich ist nicht so sehr das Cholesterin selbst, sondern vor allem das „böse“ LDL-Cholesterin – winzig kleine Kügelchen voll gepackt mit Cholesterin und Fetten, die in der Leber gebildet und über die Blutautobahn zu den Organen transportiert werden. Die Menge des im Blut kreisenden „bösen“ LDL-Cholesterins hängt in erster Linie von der Aufnahme gesättigter Fettsäuren ab, nicht vom Cholesterin selbst.

Gesättigte Fettsäuren finden sich vor allem in tierischen Lebensmitteln wie Butter, Käse oder Wurst. Diese Fette sind die eigentlichen Übeltäter. Allerdings ist ein wesentlicher Teil unseres Cholesterinspiegels im Blut bereits genetisch programmiert und kaum durch die Ernährung zu beeinflussen. Was natürlich kein Freibrief zum hemmungslosen Schlemmen ist! Aber zurück zum Ei. Das enthält nicht nur Cholesterin, sondern auch viele nützliche Nährstoffe. In erster Linie hochwertiges Eiweiß, dazu Eisen, Vitamine, Mineralien und übrigens nur wenig Fett. Ein Ei bringt es auf bescheidene 80 Kalorien.

Die wichtigste Studie zum Ei legte der Harvard-Forscher Willett vor fast genau zehn Jahren vor. Fast 120000 Teilnehmer wurden zwischen neun und 15 Jahre lang wissenschaftlich begleitet. Wichtigstes Ergebnis: Es ist unwahrscheinlich, dass der Konsum von bis zu einem Ei am Tag das Infarkt- oder Schlaganfallrisiko von Gesunden beeinflusst.

Essen Sie also ruhig Eier. Aber wie überall gilt: Übertreiben Sie’s nicht. Manche Fachleute sagen: Wer auf der sicheren Seite sein will, sollte sich nur jeden zweiten bis dritten Tag ein Ei gönnen. Andere sind weniger streng. Essen ist ein Gesamtkunstwerk. Man sollte im Hinterkopf haben, dass auch andere Nahrungsmittel Cholesterin – oder Eier – enthalten. Täglich Spiegeleier mit Speck sind leider keine gute Idee. Ein hart gekochtes Ei tut’s auch. Nicht nur zu Ostern.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht? Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de.

Hartmut Wewetzers gesammelte Kolumnen gibt es auch in Buchform. Erschienen sind sie im Ullstein-Verlag unter dem Titel "Der Brokkoli-Faktor und andere gute Nachrichten aus der Medizin". 185 Seiten, 7 Euro 95.

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