Kolumne: Dr. Wewetzer : Lob der Sonne

An Warnungen vor der Sonne mangelt es nicht. Ihre ultravioletten (UV) Strahlen fördern das Entstehen von Hautkrebs. Aber bei aller berechtigten Mahnung zur Vorsicht besteht die Gefahr, gelegentlich zu übertreiben.

von
Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

So wird in letzter Zeit häufig über den durch das UV-Licht angeregten „weißen“ Hautkrebs berichtet, in Anlehnung an den „schwarzen“ Hautkrebs, das Melanom. Oft mit dem bedrohlichen Unterton, dass der weiße Hautkrebs stark zunehme, der häufigste Krebs überhaupt sei und jeder zweite an einer Frühform erkranke.

Haben wir da was versäumt? Nein – denn der Unterschied von „schwarz“ und „weiß“ könnte größer nicht sein. Das „schwarze“ Melanom ist sehr bedrohlich, aber eher selten, der häufige „weiße“ Hautkrebs ist zu mehr als 99 Prozent heilbar. Weil er in den allermeisten Fällen keine Tochtergeschwülste bildet – das wesentliche Problem beim Krebs – hießen die Hauptvarianten des weißen Hautkrebs früher nüchtern Basaliom und Spinaliom. Entfernt man die Wucherung, ist der Patient geheilt.

Natürlich sollte man es mit der Sonne nicht übertreiben und sich im Sommer entsprechend schützen, vor allem wenn man zu den vom Sonnenbrand gefährdeten Hellhäutigen und Rothaarigen gehört. Doch in diesen trüben Tagen heißt die Haut jeden Lichtstrahl willkommen. Der Körper braucht Sonne zum Leben. Vor allem, um über die Haut Vitamin D zu bilden, ein Hormon, das an unzähligen Stellen im Organismus benötigt wird. Es hilft, die Knochen gesund zu erhalten, stärkt die Abwehr von Krankheitserregern und dämpft gleichzeitig ein übers Ziel hinausschießendes Immunsystem. Vitamin-D-Mangel wird mit Bluthochdruck, Herz- und Gefäßkrankheiten, Tumorleiden und sogar mit geistigem Verfall, Demenz, in Verbindung gebracht.

Dieser Tage haben europäische und australische Forscher am Beispiel Australiens festgestellt, dass das Risiko für Lebensmittelallergien (Erdnuss und Ei) und für Ekzem, eine mit Neurodermitis verwandte Hauterkrankung, umso geringer ist, je sonniger eine Region ist. Da ist es bedauerlich, dass Vitamin-D-Mangel im Alter hierzulande die Regel ist. Zuletzt hat das der Trierer Mediziner Stefan Schilling festgestellt, als er in einer Rehaklinik für ältere Patienten die Vitamin-D-Versorgung überprüfte. Neun von zehn Senioren hatten einen Vitamin-D-Mangel, zwei von drei gar einen schweren, berichtete Schilling im Januar im „Deutschen Ärzteblatt“.

Wie es unserer Gesundheit ergeht, wenn wir auf Sonne und UV-Licht verzichten würden, hat die Weltgesundheitsorganisation geschätzt. Danach bringt ein Zuviel an ultravioletter Strahlung die Menschen weltweit jedes Jahr um 1,5 Millionen gesunde Lebensjahre, Jahre mit hoher Lebensqualität. Würde die Menschheit dagegen nur ein Minimum oder gar keine UV-Strahlung abbekommen, wären es 3,3 Milliarden Jahre, die durch Krankheit oder verlorene Lebenserwartung verlustig gingen. Der Schaden steht zum Nutzen in einem Verhältnis von eins zu 2000. So wirksam und preisgünstig wie die Sonne ist kein Medikament.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

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