Kolumne: Dr. WEWETZER : Weiser werden

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Die Stärken des alternden Gehirns.

von
Wewetzer
Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Neulich wollte ich mir in meiner Videothek eine DVD holen, einen Thriller mit Robert de Niro und Al Pacino. „Den haben Sie schon mal ausgeliehen“, sagte mir die Frau am Tresen nach einem Blick in ihren Computer. Ich muss in diesem Moment ziemlich verdutzt ausgesehen haben. Aber Computer irren ja bekanntlich nie. Und es kommt noch dicker. Wenn ich ein Buch gelesen habe und später wieder darin blättere, stutze ich nicht selten. Das hast du wirklich gelesen? Und erst mein Namensgedächtnis …

Muss ich nun sehr beunruhigt sein? Nicht unbedingt. Natürlich, das Gehirn schrumpft mit den Jahren. Nervenzellen sterben, Speicherkapazität geht verloren. Das Gedächtnis macht öfter Probleme, man wird geistig unbeweglicher. Aber das ist nur die eine Seite. Forscher haben in den letzten Jahren herausgefunden, dass das alternde Gehirn sich erstaunlich gut anpassen kann. Es erweist sich als durchaus flexibel. Und bei aller Bedrohlichkeit der herannahenden Alzheimer-Epidemie sollte nicht vergessen werden, dass sechs von sieben Menschen jenseits der 65 keine Probleme mit dem Gedächtnis haben. Selbst die 75- bis 79-jährigen sind noch zu mehr als 80 Prozent geistig fit.

Der Biologe Roberto Cabeza von der Duke-Universität hat herausgefunden, dass das Gehirn Älterer sich umorganisiert. Wo ein Jüngerer zum Lösen einer Aufgabe nur die eine Hirnhälfte beschäftigt, nimmt das Denkorgan eines 60-Jährigen mitunter die andere Hemisphäre zu Hilfe. „Das ist so, als wenn Sie ein Gewicht mit beiden Händen heben statt nur mit einem, wie noch in jungen Jahren“, sagt Cabeza.

Und dann ist da das Myelin, die „kleinen weißen Zellen“. Aus ihnen bestehen die Nervenhüllen, sie sind der extrem wichtige „Klebstoff“ des Gehirns. Die kunstvolle Verpackung der Nerven ist für ein funktionierendes Gehirn unerlässlich, und es gibt Hinweise darauf, dass diese erst in den mittleren Jahren perfektioniert wird. Um die 45 oder 50 erreicht sie ihren Höhepunkt. Vielleicht erklärt das, warum reifere Menschen oft eher den Blick für das Wesentliche haben als Jüngere.

Die US-Psychologin Ravenna Helson stellte in einer Langzeitstudie fest, dass Frauen im mittleren Lebensabschnitt am besten im induktiven Denken waren. Induktives Denken hilft, von einzelnen Beobachtungen auf allgemeine Wahrheiten zu schließen. Größere Objektivität oder die Fähigkeit, die positiven Züge der Persönlichkeit hervortreten zu lassen, waren bei Frauen in den 50ern und 60ern am meisten ausgeprägt. Die midlife crisis ist anscheinend nur ein Mythos.

Damit das Gehirn gesund altert, muss es fähig sein, neue Verbindungen zu knüpfen. Man kann ihm dabei helfen. Etwa durch viel Bewegung und eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse. Vor allem aber durch den Mut, Neues zu wagen, Herausforderungen zu suchen, die eingefahrenen Gleise zu verlassen. Dass man sich an jeden Film erinnert, ist dagegen nicht so wichtig. Auch beim zweiten Mal sind Robert de Niro und Al Pacino noch spannend.

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