Kolumne: Elena Senft schaltet nie ab : "Bindung, Hund, Trockenfutter, langweilig"

Vor kurzem habe ich im Fernsehen einen Test mit niederschmetterndem Ergebnis gesehen. Gegenstand war die Beziehung zwischen Mensch und Hund.

von
Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

Vier Hundebesitzer liefen mit ihren Hunden durch ein vorher präpariertes Gelände, in dem plötzlich eine Mauer aus Styroporziegeln zusammenbrach und das Herrchen unter sich begrub. Unwichtig zu erwähnen, dass alle Hundehalter im Vorfeld selbstbewusst in die Kamera posaunt hatten, ihr Hund würde auf jeden Fall bellend Hilfe holen, wenn er nicht sogar eigenhändig den Krankenwagen anrufen würde. Dann aber kam das Gegenteil heraus: Die Hunde machten gar nichts, spielten mit den Ziegeln oder gingen irgendwo an Grünflächen riechen.

Sobald ich in meiner Wohnung den Kühlschrank öffne, schaue ich in der Regel sofort danach in die flehende Visage meines Hundes, eines kleinen Mischlings mit Unterbiss und Glotzaugen, der niemals etwas vom Menschenessen abbekommt, seitdem er einmal rabiat ein Stück Lasagne vom Teller eines Gastes in seine Gewalt brachte.

Verunsichert von dem Ergebnis des Fernseh-Tests gab ich bei unserem letzten Zusammentreffen vor dem Kühlschrank ein röchelndes Geräusch von mir, hielt mir den Brustbereich und sank leblos auf den Dielenboden. Durch meine zu Schlitzen verengten Lider sah ich, wie der Hund zum Kühlschrank trabte, hektisch einen Käse in Zellophanfolie herauszerrte und verspeiste. Seitdem zweifle ich an unserer Bindung. Und male mir immer wieder das Szenario aus, wie ich mich mit Todesangst im Zweikampf mit meinem Vergewaltiger über den feuchten Boden des dämmrigen Grunewalds rolle, während mein Hund im Hintergrund orgiastisch hechelnd sein Rückenfell durch Wildschweinfäkalien zieht.

Im Internet habe ich das Problem mit den Suchbegriffen „Bindung, Hund, Trockenfutter, langweilig“ eingekreist. Konsens bei Foren-Usern scheint zu sein, dass ein Hund, der nur mit fadem Trockenfutter verköstigt wird, berechtigterweise sein auf dem Boden um sein Leben ringendes Herrchen liegen lässt, wenn im Gegenzug ein mittelalter Appenzeller winkt. Zur Abhilfe wird von engagierten Hundebesitzern eine Ernährungsweise propagiert, die sich BARF abkürzt und für „biologisch artgerechtes rohes Futter“ steht. Diese Ernährungsweise probiere ich nun aus, und seitdem verstopfen zwei Tupperdosen meinen Kühlschrank: In einer befindet sich ein Gemüsemix, in der anderen ein blutiger Fleischball, manchmal ist noch etwas Fell dazwischen, manchmal kann man ein Stück Ochsenschwanz erkennen, manchmal Pansen. Es ist widerlich.

Ich ekle mich vor dem Fleischball, und neulich stocherte ich appetitlos in einer Bolognesesauce, weil sie mich an das Hundefutter erinnerte.

Eine befreundete Tierärztin machte mich nun auf die Gefahr durch Salmonellen bei der Rohfütterung aufmerksam, die vom Hund verbreitet, aber nur für den Menschen gefährlich seien. Das Tier hat seinen Ball im Mund, ich hebe den Ball auf und kaue danach an den Fingernägeln – und schon habe ich den Salat.

Den Salat habe ich aber eigentlich schon jetzt: Jedes Zurück zum Trockenfutter würde eine irreparable Schneise in unsere Herrchen-Hund-Bindung fräsen. Denn der Hund macht einen fantastischen Eindruck: Vor der Fütterung tanzt er aufgeregt auf zwei Beinen um mich, danach fällt er grunzend in einen Tiefschlaf. Und manchmal kommt der Hund nach dem Essen zu mir und leckt mir wie zum Dank über die Hand. Deswegen mache ich weiter. Ihm zuliebe. Spätestens, wenn es mich mit Salmonellenvergiftung auf dem Dielenboden niederstreckt, wird der Hund zeigen können, ob er es wert war.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Christine Lemke-Matwey, Moritz Rinke, Jens Mühling und Elena Senft.

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