Kolumne: Elena Senft schaltet nie ab : Ich unfriende mich von Ben Tewaag

Ich nutze den traditionell für Tabula rasa vorgesehenen Monat Januar und tue etwas längst Überfälliges.

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Ich nutze den traditionell für Tabula rasa vorgesehenen Monat Januar und tue etwas längst Überfälliges, für dessen korrekte Bezeichnung es bestimmt bald einen Eintrag im Duden gibt und dessen englisches Pendant bereits vom New Oxford English Dictionary zum Wort des Jahres gekürt wurde: ich „unfriende“ mich. Ich entziehe Menschen den Status, zu meinen virtuellen Freunden zu gehören. Ich kehre mit dem eisernen Besen in meinem Facebook-Account. Mit Rigorosität und Fokus. Online-Freundschaften können nicht im Sande verlaufen. Ich lasse mich nicht von zu füllenden Waschmaschinen ablenken, störende Anrufer drücke ich mechanisch weg.

Komisch, dass virtuelles Aufräumen immer so viel leichter fällt als reales. Während man sich das ganze Jahr lang scheut, Tankquittungen zu sortieren oder die unter dem Bett befindlichen Ikea-Verstautüten hervorzuziehen und unwiderruflich unmoderne Kleidungsstücke wie wadenlange Breitcordröcke in verblichenem Taubenblau auszusortieren, kann man problemlos mehrere Stunden bewegungslos und mit fiebrigem, starrem Blick vor seinem Laptop sitzen und das ausgefeilte Titelvereinheitlichungssystem seiner iTunes-Bibliothek optimieren. Unwichtig, zu erwähnen, dass man mit den korrekten Albenbezeichnungen erst loslegen kann, wenn man mal wieder alle 10 000 Lieder einzeln durchgegangen ist, um sicherzugehen, dass auch alles in Kleinbuchstaben geschrieben ist. Alles andere sieht unprofessionell aus, keine Majuskeln bei iTunes! Und keine Freunde bei Facebook mehr, die sich „Butterblume“ oder „Fruchtzwerg“ nennen, anstatt ihren korrekten Namen zu verwenden.

Unter anderem deshalb das rigorose Unfrienden. Aber auch deswegen: Ich habe momentan 213 Facebook-Freunde. Das ist zu viel. Denn die Doofen sind nicht mehr die, die 13 Freunde haben und bei denen also keine Sau den „I like“-Button drückt, wenn sie morgens als erste Amtshandlung verkünden, wie sie geschlafen haben. Der Nimbus des Menschen ohne Sozialkontakte wird jetzt dem Facebook-Mitglied mit den 300 Freunden angehängt: ein Sammler mit mehr Onlinedasein als wahrer Existenz. Jemand, der darauf angewiesen ist, auch noch den allerletzten Kindergartenfreund ans Licht zu zerren und zu befrienden, um zu zeigen, dass er nicht allein dasteht.

Die Antwort auf die Frage, wie es überhaupt zu 213 Freunden kam, klingt eklig und kokett: Höflichkeit. Was für ein Affront, jemandes Anfrage abzulehnen, der mir so offen seine Zuneigung gezeigt hat, indem er mein Freund sein will! Zumal dann, wenn man mit zweien seiner Freunde befriendet ist.

Alle Menschen, die ich noch nie persönlich gesehen habe, müssen gehen. Und die, die virtuelle Glücksnüsse verschicken, auch. Ohne Hierarchisierung der Opfer.

Es muss also nicht nur ein sympathischer Schweizer gehen, der mir geschrieben hat, dass seine Schwester und ich den gleichen Vornamen haben, und für dessen Fotogalerien seiner Südostasienreise fast ein ganzer Arbeitstag draufging. Nein, auch Uschi Glas’ Sohn Ben Tewaag wird gelöscht, mit dem ich – vermutlich eine Verwechslung – bereits seit einem Jahr befreundet bin. Sowieso besser, nicht mit einem verurteilten Gewalttäter befreundet zu sein. Wäre da nicht die Angst davor, dass er doch mich gemeint haben könnte. Und ich ihm sein Anliegen verwehrt hätte und wir uns doch irgendwann einmal über den Weg gelaufen wären …

Etappenweise müsste ich mich auf diese Art und Weise auf etwa 100 Freunde herunterarbeiten können. Ein langer und verlustreicher Weg. Ich habe zu tun.

Hier schreiben abwechselnd: Christine Lemke-Matwey, Jens Mühling, Moritz Rinke und Elena Senft.

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