Kolumne: Elena Senft schaltet nie ab : Techniken des Vertuschens

Es war ein Wintermorgen, an dem meine Eltern in aller Herrgottsfrühe eine Reise antreten wollten, gerade die Koffer ins Auto gehievt hatten und nun versuchten, den Kofferraum des Skoda Oktavia zu schließen.

von
Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

In diesem Moment vernahmen sie ein nach Erneuerung des Keilriemens schreiendes Geräusch und der marode Golf meiner alten Freundin L. bog um die Ecke. Wohlgemerkt nur der Golf. Mutter sprach in der Retrospektive von einem „unbemannten Fahrzeug“, das direkt – ohne den leisesten Bremsversuch – in das parkende Auto unserer Nachbarn fuhr. Es folgte ein Moment der antonionischen Stille.

Dann öffnete sich langsam die Fahrertür des Golfs, L. trat mit wirrem Haar auf die Straße und begutachtete den Schaden. „Warst du eingeschlafen?“, meldete sich Mutter vorsichtig. „Quatsch“, sagte L. „Mir war die Zigarette runtergefallen, und ich musste sie im Fußraum suchen.“

Die empirisch eigenhändig ermittelten größten Gefahren durch Zigaretten am Steuer sind: 1. Der Raucher wirft eine Kippe aus dem Fahrerfenster, meint im Rückspiegel gesehen zu haben, wie sie durch das Heckfenster wieder ins Fahrzeug geflogen ist und versucht nun fahrend, die Zigarette mit der rechten Hand im Fond zu ertasten. 2. Der Raucher will seine Zigarette ausdrücken, die Restglut vermischt sich mit im Aschenbecher befindlichen Kaugummipapieren zu einem qualmenden Ball, der so stark raucht, dass man nichts mehr sehen kann. 3. Glut fällt in den Schritt, sofortige Panik macht sich breit.

Dass das Rauchen im Auto noch erlaubt ist, während die Ausübung viel ungefährlicherer Tätigkeiten im Straßenverkehr drakonisch bestraft wird, ist ein Skandal. Ich höre gerne motivierende Musik auf dem Fahrrad und habe daher eine für vorbeifahrende Polizisten kaum nachweisbare Vertuschungstechnik entwickelt: Das Kopfhörerkabel des iPods wird unter der Kleidung entlanggeführt und durch hippiemäßig herabhängendes Haar verdeckt. Nähert sich nun ein Polizeifahrzeug in verdächtiger Langsamkeit, ist eine abrupte, touretteartige Kopfbewegung auszuführen, die die Ohrstöpsel aus den Ohrmuscheln katapultiert und sie unauffällig vor der Brust zum Baumeln kommen.

Ähnlich verfahre ich beim Telefonieren im Auto: Das Handy befindet sich von Haar verdeckt in der linken Hand. Der linke Arm wird auf der Fahrertür abgestützt, so dass es aussieht, als würde man gelangweilt einen schon tausendfach zurückgelegten Heimweg absolvieren. Sehe ich nun einen Polizeiwagen neben mir (nie den Kopf drehen, sondern ausschließlich den Augenwinkelblick verwenden), lasse ich das Telefon augenblicklich los, es fällt seitlich am Sitz vorbei und rutscht dank des praktischen Gefälles meines Fahrzeugmodells direkt unter den Fahrersitz. Dann nehme ich den linken Arm von der Tür, halte die Hand vor den Mund und gähne. Das ist auch der Moment, in dem man nach links zum Polizeiauto schauen und freundlich nicken kann.

Freunde sind vorher natürlich genauestens zu briefen: Endet ein Telefongespräch plötzlich und abrupt, hat man unverzüglich aufzulegen. Freundin L. hielt sich neulich nicht daran. Als der misstrauische Polizist sich nach dem Vorwurf des illegalen Telefonierens am Steuer schon fast wieder umdrehte, um beweislos den Rückweg zu seinem Fahrzeug anzutreten, ertönte ein blechernes „Hallo?! Halloho?!“ unter dem Sitz. Der Polizist sagte: „Entweder hamse ’ne Geisel im Kofferraum oder ’n Handy unterm Sitz. Suchense sich wat aus.“ L. kann jetzt jahrelang vergeblich darum betteln, dass ich mit ihr noch mal den Schwelbrand im Kofferraum suche.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Jens Mühling, Elena Senft, Moritz Rinke und Christine Lemke-Matwey.

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