Kolumne : Im Haus der untergegangenen Träume

Unser Autor Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart. Beim Besuch im ehemaligen Staatsratsgebäude wird er melancholisch

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Dieser Tage war ich zum ersten Mal im ehemaligen Staatsratsgebäude. Am Schlossplatz 1, allerdings noch ohne Schloss, es müsste eigentlich Am Platz 1 heißen, weil so einen großen Platz habe ich überhaupt noch nie gesehen, das ist ja eine Wüste von Platz, seit es den Palast der Republik nicht mehr gibt. Den Staatsrat gibt es auch nicht mehr. Der Letzte, der hier an diesem Platz zwischenzeitlich seinen Dienstsitz und sich vielleicht für einen Staat beraten hatte, war Gerhard Schröder, aber den gibt es als Staatsmann nicht mehr, seine Partei, die Sozialdemokratie, seitdem eigentlich auch nicht mehr.

Mein Gott, das ist ja ein trauriger Ort, dachte ich: Wer hier eintritt, geht unter! Ich trat trotzdem ein. Neujahrsempfang der Stiftung Schloss Neuhardenberg, Geburtstagsfeier für dessen Intendanten Bernd Kauffmann.

Oben im zweiten Stock sah ich aus dem Fenster über den riesigen, weißen, gefrorenen Wüstenplatz. Hat dort unten nicht Karl Liebknecht die Republik ausgerufen? Ich googelte mobil, neues Webhandy, (ich googele momentan überhaupt alles mobil, was mir unter die Augen kommt, besonders die Namen auf Schildern von netten Verkäuferinnen), „Karl Liebknecht – Republik“: „Karl-Liebknecht-Portal. Das ehemalige Portal IV des Berliner Stadtschlosses, von dessen Balkon aus Liebknecht am 9. November 1918 die Republik ausrief, ist heute in die Fassade des ehemaligen Staatsratsgebäudes integriert.“ Das auch noch, sogar die untergegangenen Träume von Liebknecht sind in dieses Gebäude integriert!

Ich sah wieder über den kalten Wüstenplatz. Ja, wie irrsinnig vergeblich doch all diese schönen Ausrufe sind. Und am Ende gibt es nur wieder das Stadtschloss, aber wer weiß, vielleicht schlägt da noch die Finanzkrise zu …

„Hier gibt es aber noch die schönen Glasbilder von Walter Womacka“, sagte Lothar de Maiziere, der letzte Ministerpräsident der DDR, in einem Kulturgespräch auf der Bühne. Ich googelte heimlich unter meinem Sitz: Erst Lothar de Maiziere, dann Walter Womacka, dann wurde Jimmy Hartwig im Publikum begrüßt. Jimmy Hartwig, den kenne ich besser, ehemals Fußballprofi, 1860, Nationalspieler, jetzt Darsteller des „Woyzeck“ in der Inszenierung des Schauspielers Thomas Thieme („Helmut Kohl“), der bei diesem Neujahrsempfang den Moderator gab.

Das Handy klingelte, mein Vater, ich lief aus dem Saal. „Wo bist du? Es hallt so“, sagte er. – „Im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR!“ – „Was machst du denn da?“– „Ich googele untergegangene Republiken, Balkone, Träume und Männer.“ – „Bist du betrunken?“

In dem Moment lief Udo Lindenberg vorbei, persönlicher Gratulant von Bernd Kauffmann. Er lief direkt unter dem integrierten Karl-Liebknecht-Portal ins Staatsratsgebäude.

„Ich muss Schluss machen, gleich singt bestimmt Udo Lindenberg!“

Oben stand er dann keinen halben Meter entfernt von Lothar de Maiziere und gurgelte auf der Bühne Eierlikör. Der alte berühmte Hut auf dem Kopf, der dunkelblaue Mantel, die schwarze Brille.

Kann etwas all die Jahre und Jahrzehnte so unverwandelt durch die Welt gehen?

Der Palast der Republik ist weg, der Staatsrat ist weg, Schröder und die Sozialdemokratie sind auch weg, Liebknecht und seine Balkonträume sind schon lange weg. Nur Lindenberg stand jetzt da wie der ewige Udo und sang „Hinterm Horizont geht’s weiter“. Er sang, gurgelte und sang, und es war, als sei Lindenbergs Horizont das Letzte, an das man sich in diesen schnellen Zeiten halten kann, in diesem traurigen Gebäude am großen, wüsten, eisgefrorenen Winterplatz.

Hier schreiben abwechselnd: Christine Lemke-Matwey, Jens Mühling, Moritz Rinke und Elena Senft.

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