Kolumne: Jens Mühling will ein besserer Mensch werden : Abschiede nie zu früh feiern!

Jetzt, wo ich endlich im Zug sitze, im Niemandsland zwischen hier und dort, auf einer langen Reise durch Schnee und Erinnerungen – jetzt kommt mir der vergangene Monat seltsam unwirklich vor.

von
Jens Mühling
Foto: Mike Wolff

Jetzt, wo ich endlich im Zug sitze, im Niemandsland zwischen hier und dort, auf einer langen Reise durch Schnee und Erinnerungen – jetzt kommt mir der vergangene Monat seltsam unwirklich vor.

Dabei hatte ich mich lange auf diesen Moment vorbereitet. Ein bisschen zu lange vielleicht. Wenn man ein Jahr im Ausland verbringt (eine Buchrecherche führt mich nach Russland und in die Ukraine), dann kann man nicht früh genug mit dem Verabschieden beginnen – dachte ich. Also lud ich bereits im Januar zu einer Geburtstagsparty ein, die ich gleichzeitig zur Abschiedsfeier deklarierte. Es wurde ein rauschendes Fest.

Einziger Schönheitsfehler: Zwischen Geburtstag und Abreise lag ein voller Monat.

Selbst meine engsten Freunde schien dieses vorfristige Segelhissen zu überfordern. Menschen, die ich bis zu meinem endgültigen Aufbruch noch viele Male sehen würde, drückten mir auf der Party warm die Hände, überreichten mir Abschiedspräsente, flüsterten mir gute Wünsche ins Ohr. Ich spürte, dass ich, ohne es zu wollen, einen emotionalen Herbst eingeläutet hatte, der meiner eher spätsommerlichen Stimmung ein jähes Ende setzte. Am Tag nach der Party trudelte eine Abschieds-SMS nach der anderen ein: „Alles Gute im Osten!“ – „Ein Jahr geht schnell vorbei!“ – „Pass auf mit dem Wodka!“ – „Vergiss uns nicht!“

Aber ich bin doch noch gar nicht weg!, protestierte eine Stimme in meinem Inneren.

Meine Freunde sahen das offenbar anders. Als ich ein paar Tage später die Party eines Bekannten besuchte, rief meine Anwesenheit ungläubige Blicke hervor. Ein Freund kam auf mich zugerannt und umarmte mich stürmisch, als hätten wir uns seit Jahren nicht gesehen. „Mensch!“, rief er, während seine Hand einen stolpernden Walzertakt auf meinen Rücken klopfte, wie das Männer untereinander gerne tun. „Ich dachte, du bist längst weg!“

Genau so fühlte ich mich langsam auch – als sei ich längst weg. Meine Berliner Existenz nahm phantomhafte Züge an. Ich hatte mich in den Schatten eines Mannes verwandelt, dessen Körper längst anderswo weilte. Meine Anwesenheit wirkte wie ein Taschenspielertrick, sie war mir fast ein bisschen peinlich. „Hat alles ein bisschen länger gedauert“, murmelte ich rechtfertigend, während meine Hand einen synkopischen Gegenrhythmus auf den Rücken meines Freundes klopfte.

Man kann nur hier sein oder dort. Alles andere ist gespenstisch. Ich beschloss, aus dieser Erkenntnis meine Lehren zu ziehen. Ich beschloss, dass Abschiede zum richtigen Zeitpunkt gefeiert werden wollen.

Der Rest des Monats verlief merkwürdig zerdehnt. Zwischen Abschiedstreffen („Oh, ich dachte ...“) und Abschiedstelefonaten („Du bist ja immer noch ...“) verlor ich zunehmend das Gefühl für Raum und Zeit. Ich erinnere mich, wie ich nachts zwischen gepackten Koffern in meiner Wohnung saß und fasziniert ausprobierte, wie weit der Terminkalender meines Handys in die Zukunft reicht. Monate, Jahre, Jahrzehnte surrten über das Display. Im Oktober 2078 wurde mein Daumen müde.

Der Direktzug Berlin – Kiew braucht 25 Stunden und startet am Bahnhof Zoo. Am Bahnhof Zoo! Da soll sich noch mal einer beschweren, dass am Bahnhof Zoo keine Fernzüge mehr halten! Ich vermute, dass die Charlottenburger den Zug nach Kiew bewusst verschweigen. Wahrscheinlich kränkt es sie, dass ihr geliebter West-Bahnhof nur noch Ost-Reisen ermöglicht.

Auf dem Gleis lief ich zufällig einer Bekannten in die Arme. „Mensch!“, rief sie erstaunt, während ihre gespitzten Lippen die Luft links und rechts meiner Wangen küssten. „Ich dachte, du bist immer noch in Russland!“

Hier schreiben abwechselnd: Christine Lemke-Matwey, Jens Mühling, Moritz Rinke und Elena Senft.

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