Kolumne: Mein Garten Eden : Die Blicke der Hühner

Zu meinen Gartenerinnerungen gehören auch jene an die nicht so glücklichen Jahre nach Kriegsende, als in den elterlichen Garten ein Dutzend Hühner einzogen.

Ursula Friedrich

Zu meinen Gartenerinnerungen gehören auch jene an die nicht so glücklichen Jahre nach Kriegsende, als in den elterlichen Garten ein Dutzend Hühner einzogen. Mein Vater errichtete einen Zaun aus Maschendraht und dahinter ein Hühnerhaus mit Stangen und Nestkisten. Zunächst kauften wir für jede Kiste ein falsches sogenanntes Legei, das die Hühner zum Legen anregen sollte. Meine Mutter kannte einen Bauern, der uns Säckchen voll Körnerabfall hinterließ, Weizen, Gerste, Hafer, vermischt mit Spreu.
Ich wurde mit meiner Freundin Herta auf die abgeernteten Felder losgeschickt, um die Ähren aufzulesen, die der Mäher nicht mitgefangen hatte. Man darf sich das nicht so bequem vorstellen, wir lebten in der Stadt, und das Land war weit draußen, beim Ort Winnenden, der heute so traurige Berühmtheit erlangt hat. Vielleicht sind mir deshalb jetzt auf einmal die Felder und unsere Hühner eingefallen. Ich mochte sie anfangs nicht. Es waren weiße, braune und scheckige, aber sie hatten alle denselben merkwürdig abwesenden Hühnerblick und dieselbe unmusikalische Stimme. Ein Huhn, fand ein Forscher heraus, verfügt über 13 Töne, um sich auszudrücken.

Mich traf nicht nur das Schicksal des Ährenlesens und Grünzeugsammelns, sondern vor allem die Arbeit des Hausputzes im Hühnerstall. Das war hauptsächlich eine Frage des Geruchs. Hühnermist stinkt furchtbar, als Dünger ist er aber sehr gut. Besonders viel Mist fiel im Winter an, wenn die Hühner drin waren und keine Eier legten. Im Sommer zerkratzten sie binnen vier Tagen den ganzen Rasen. Aber sie legten Eier. Im Herbst kauften wir 20 Liter einer Chemikalie, die heute unbekannt ist. Sie hieß aus unerfindlichen Gründen „Wasserglas“, war klar und flüssig, kam im Keller in einen Tontopf, und da hinein kamen die überschüssigen Eier für die eierlosen kalten Zeiten. Das Wasserglas verwandelte sich in einen kalkigen Brei, und der Ruf der Mutter: „Ursula, hol zwei Eier herauf“ bedeutete Hineinfassen in den Brei.
Oh, was für eine harte Jugend, von Nebeln des Vergessens umwölkt! Das Huhn an sich stammt aus den Wäldern Vorder- und Hinterindiens, wanderte über Persien, Ägypten über Tausende von Jahren bis in unsere Hühnerfarmen. Sie hatten es eigentlich nie gut. In Thailand wurden sie als Kampfhähne ausgebildet. Bei den Ägyptern kannte man bereits Brutfabriken für bis zu 20 000 Eier auf einmal. Für die Römer galten Hühner als Orakel, sie wurden zu Schlachten mitgenommen. Fraßen sie gut, gutes Zeichen. Fraßen sie schlecht, schlechtes Zeichen. Im ersten Punischen Krieg fraßen die Hühner des Konsuls Claudius Pulcher schlecht. Er ließ sie ins Meer werfen und rief: „Wenn ihr nicht fressen wollt, dann sauft!“ Er verlor die Schlacht.

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