Kolumne: Meine Frau, ihr GARTEN und ich : Auf die Indianer warten

Was habe ich mir da mal für Mühe gegeben, mit den roten Pappschindeln. Jetzt hat das bemooste Dach des Schuppens die Konsistenz von dunkelgrünem Filz. Das sei doch das Beste, was der Hütte passieren könne, fand mein Architektenfreund.

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Der Schuppen hat Moos angesetzt. Was habe ich mir da mal für Mühe gegeben, mit den roten Pappschindeln. Jetzt hat das Dach die Konsistenz von dunkelgrünem Filz, fast schon ist es mit der Umgebung verschmolzen.

Das sei doch das Beste, was der Hütte passieren könne, fand mein Architektenfreund. Dabei hat er einigermaßen angewidert auf die karierte Gardine in der Türscheibe gezeigt und mir geraten, die Forsythie davor ein bisschen wuchern zu lassen, damit man diesen Kleingärtnertraum überhaupt nicht mehr sehen müsse. Hat mich schon ein wenig getroffen. Ich finde nämlich, unsere Gartenhütte könnte ruhig noch ein bisschen größer sein. Aber nicht, weil ich wie meine Frau mehr Gerät darin stapeln möchte, sondern, weil ich finde, dass Holzhütten etwas Archaisches haben.

Ich habe sie selbst gebaut – okay, zusammen mit meinem Schwiegervater, aber immerhin. Den Untergrund haben wir aus alten Ziegeln gelegt, die Wände Bohle für Bohle übereinander gestapelt, die Schindeln Stück für Stück draufgenagelt. Ich habe zwei Kinder gezeugt, einen Baum gepflanzt, einen Hund aus dem Tierheim befreit und eine Hütte gebaut. Das ist doch was.

Das Haus, in dem ich groß geworden bin, hatte auch eine Gartenhütte. Die war zwar schon ein bisschen vergammelt, ein Schuppen eben, aber dafür hatte der sogar zwei Räume. Die Zwischenwand hatte jemand aus den Brettern alter Munitionskisten gezimmert, die aufgedruckten Stempel waren noch deutlich zu lesen. Nach dem Krieg hatten die Amerikaner das Haus zeitweise beschlagnahmt, und die Eigentümer mussten sich im Schuppen einrichten. Das war vor meiner Zeit, aber unsere Wirtin hatte mir davon erzählt.

Ich fand diese Geschichte ziemlich aufregend und die Hütte entsprechend großartig. Sie war mein Wilder Westen. Im Garten habe ich mit den Nachbarskindern Stachelbeeren und Pflaumen gepflückt, daraus Vorräte angelegt. Und dann haben wir uns vorgestellt, wie wir den Schuppen gegen die Indianer verteidigen. Einmal bin ich im Gefecht vom Dach gefallen und in den Stachelbeersträuchern gelandet.

Leider gehörten uns weder Haus noch Garten, und irgendwann mussten wir raus. Wir hätten es wahrscheinlich sowieso nicht halten können. Ich bin dort neulich vorbeigefahren, den Garten gibt es schon lange nicht mehr, der Schuppen ist weg, ebenso die Stachelbeeren und die Pflaumenbäume. Heute stehen drei Häuser auf dem alten Grundstück.

Dafür habe ich meinen eigenen Schuppen. Ich habe mir sogar schon mal vorgestellt, wie ich ein Feldbett aufstelle und eine Nacht darin verbringe. Einfach nur so. Ist natürlich eine seltsame Idee. Wahrscheinlich würde meine Frau ziemlich komisch gucken. Andreas Austilat

„Der Garten“ erscheint im Wechsel mit der Kolumne „Unter Heimwerkern“

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