Kolumne: Meine Frau, ihr Garten… und ich : Forsythien darf man nie unterschätzen

Es handelt sich bei diesem Busch gewissermaßen um ein Erbstück.

von
Garten

Es handelt sich bei diesem Busch gewissermaßen um ein Erbstück. Wir haben ihn zusammen mit dem Haus gekauft. Und wir haben ihn gewähren lassen. Jedenfalls glaube ich nicht, dass wir uns selbst eine Forsythie gekauft hätten. Das Goldglöckchen, wie der Strauch in für ihn besseren Zeiten genannt wurde, ist nämlich ein bisschen aus der Mode geraten. Nun, die Forsythie dankt es uns meistens zu Ostern, manchmal auch ein paar Tage später, mit einem gelben Blütenmeer. Das macht sie sehr schön, außerdem ist sie konkurrenzlos, Flieder, Kirsche und die anderen sind alle ein wenig später dran.

Leider strahlt die Forsythie immer nur kurz. Nach 14 Tagen versinkt sie in grüner Belanglosigkeit. Früchte gibt es keine zu ernten und auch im Herbst flammt da nichts mehr, irgendwann wirft sie die graubraun gewordenen Blätter einfach weg – und fertig.

Dafür hat die Forsythie einen anderen Vorteil: Sie ist praktisch unkaputtbar. Man kann ihr alles entziehen, Liebe, Wasser, Nahrung, man kann sie mit der Gartenschere misshandeln, sie gibt nie auf. Weshalb meine Frau wohl auch dachte, sie könne die Pflege unserer Forsythie jahrelang getrost mir überlassen. Sie hat das nur anders formuliert: Schau mal, hat sie gesagt, da oben, da komme ich nicht ran. Die Forsythie hat nämlich die Angewohnheit, stark ins Kraut zu schießen und kann dann schnell beträchtliche Höhe gewinnen.

Aber die Forsythie vergisst nicht, im Gegenteil, sie weiß sich zu rächen. Wenn man sie nämlich zur falschen Jahreszeit schneidet, dann blüht sie eben nicht, dann wird sie einfach nur noch grün. Und während es also anderswo goldgelb leuchtet, signalisiert sie jedem Nachbarn: Seht her, ich stehe bei einem Ignoranten im Garten!

Forsythien sind Frühjahrsblüher, das ist doch eigentlich gar nicht schwer zu merken, die tragen die Blütenknospen noch aus dem Vorjahr in sich. Deshalb schneidet man Forsythien nicht irgendwann, sondern im Frühjahr nach der Blüte. Aber, wie das manchmal so geht: man nimmt sich das vor, und schwupps, ist es schon wieder Herbst. Also diesmal, versprochen, mach ich mich gleich nach der Blüte an die Arbeit.

Außerdem lichtet man bei Forsythien die alten verholzten Äste nach drei, vier Jahren aus, da kommt dann nämlich nix mehr. Macht man das nicht, sieht die Forsythie irgendwann aus wie ein räudig gewordener Besen. Man kann das in öffentlichen Anlagen beobachten, in denen das Gartenbauamt mangels Personal nur noch gelegentlich vorbeischaut oder bei Gartenbesitzern, die ihre Forsythien vernachlässigen, weil sie ja wissen, die können das vertragen. Aber sie erzählen auf diese Weise auch jedem Eingeweihten, hier wohnt ein Gärtner, der die letzten acht Jahre keinen Bock hatte, sich um mich zu kümmern. Ganz schön clever, die Forsythie.

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