Kolumne: Meine Frau, ihr GARTEN…und ich : Einsam friert die Palme

Pflanzen leisten ja mitunter Erstaunliches. Der Rosenkohl zum Beispiel, einer meiner Lieblinge.

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Garten

Pflanzen leisten ja mitunter Erstaunliches. Der Rosenkohl zum Beispiel, einer meiner Lieblinge. Der Rosenkohl kann um Hilfe rufen; das hat Monika Hilker herausgefunden, Biologin der Freien Universität Berlin. Klebt ihm nämlich ein Schmetterling seine Eier auf die Blätter, dann merkt der Kohl das. Und bevor die erste gefräßige Raupe schlüpfen kann, verändert er seine Blattoberfläche. Das neue Blattbild alarmiert eine bestimmte Wespenart, die sich nun ihrerseits die Schmetterlingseier vornimmt. Ja, der Rosenkohl weiß sich zu helfen.

Das Schneeglöckchen ist auch so ein Teufelskerl. Schafft sich selbst eine warme Stelle, sieben Grad sind immer drin, bis zu 10 Grad schafft ein Spitzenschneeglöckchen. Biowärme nennt sich das Phänomen, damit schmilzt sich die kleine Pflanze selbst durch dünne Schneedecken. Der Trick verhilft dem Schneeglöckchen zu einem Alleinstellungsmerkmal: So früh im Jahr zeigt sich keine andere Pflanze. Was natürlich allerhand Tiere auf den Plan ruft, die lange nichts Frisches mehr zu beißen hatten. Aber auch das Schneeglöckchen weiß sich zu wehren. Es ist nämlich giftig. Hunde oder Katzen kriegen Durchfall, wenn sie von den Blättern naschen.

Leider nutzt das alles dem Schneeglöckchen derzeit wenig. Kann ja sein, dass es da unten im frostharten Boden seinen Biobrenner schon gezündet hat, doch gegen den Frostpanzer, der einmal unser Garten war, kommt es nicht an.

Da draußen ist nichts als weiße Wüste. Das Bunteste ist noch die alberne Mütze, die Trachycarpus fortunei trägt. Trachycarpus fortunei, zu Deutsch: die Hanfpalme, stammt eigentlich aus Südostasien, weshalb sie hier natürlich niemanden kennt, der ihr zu Hilfe kommen könnte wie die Wespe dem Rosenkohl. Trachycarpus fortunei hat hier keine Freunde – das heißt, einen hat sie doch: meine Frau.

Eine Palme hat meine Frau schon verloren, im letzten Winter, der – kaum einer erinnert sich noch – auch schon ziemlich streng war mit Nachtfrösten von 15 Grad minus. Trachycarpus wächst in seiner Heimat auf 2500 Metern, hält also einiges aus. Aber das war wohl zu viel.

Um dieses Exemplar hier kämpft meine Frau verbissen. Sie hat ihm sogar eine Art Weste umgehängt und eigens diese überdimensionale Pudelmütze für Pflanzen gekauft. Ich bin jetzt schon gespannt auf den Moment, wenn sie Trachycarpus die Mütze abnimmt.

Ich finde ja, Palmen gehören nicht in einen mitteleuropäischen Garten. Aber wenn schon exotische Pflanzen, dann wenigstens solche, die eine Chance haben. Colobanthus crassifolius zum Beispiel, der antarktische Perlwurz, oder die Schmiele, ein Süßgras. Die beiden sind die einzigen Pflanzen, die in der Antarktis gedeihen. Die müssten es eigentlich auch bei uns schaffen. Andreas Austilat

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