Kolumne: Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart : Die merkwürdige Sprache der Filmbranche

Bewegen wir uns noch einmal eine Woche zurück.

von
Moritz Rinke
Foto: Mike Wolff

Bewegen wir uns noch einmal eine Woche zurück. Längst vorbei, ich weiß, aber die Berlinale ist seit Jahren der Ort, an dem ich Verhaltensforschung betreibe. Konrad Lorenz ging zu den Gänsen, ich gehe zur Berlinale.

Im letzten Jahr habe ich meine Hühner-Theorie entwickelt. Ein Huhn guckt dich nie an, wenn du mit ihm sprichst, und der Kopf zuckt immer ruckartig nach rechts und links, so, als gäbe es ständig etwas Interessanteres als dich.

Als ich Kind war, lebten wir auf dem Land. Wenn ich die Hühner füttern sollte und einem Huhn in die Augen sah, dann hatte ich das Gefühl, rechts und links neben mir steht noch jemand, von dem das Huhn besseres Futter kriegt. Hauptsächlich hatten wir Hennen. Und da ich der Einzige war, der die Hennen unterscheiden konnte, wusste ich, welcher Hahn gerade was mit welcher Henne hatte. Wenn ich mit den Körnern kam, war es oft so, dass einer der Hähne eine Henne vorschickte, die dann vor den anderen fressen durfte. Ich fragte mich früher sogar, ob manche Hennen solche Paarbeziehungen eingehen, nur um damit Privilegien zu erhalten und eher an die Körner zu kommen. Sie taten immer so, als sei es die große Liebe und stürzten sich dann auf die Körner.

Diesmal habe ich mir die Sprache der Berlinalemenschen vorgenommen. Innerhalb von zehn Minuten dreimal die Begrüßung mit: „Die Sache ist ge-green-lightet!“ Oder: „Die Schweine haben’s nicht ge-green-lighted!“ Die Berlinalemenschen sagen nicht „genehmigt“ oder „bewilligt“, sondern ge-green-lighted. Wenn etwas nicht ge-green-lighted wurde, sagt der andere: „Sehen die nicht den unique selling point?!“

Manche Produzenten, die gerade angepitscht werden, sagen oft nur verknappt: „Und wo ist Ihr USP?!“ „USP“ ist auf der Berlinale garantiert 60 000 Mal gefallen. Einen Produzenten habe ich selbst angepitscht, ich dachte, der könnte mal was von mir green-lighten. „Glauben Sie, dass mein Buch ein Page-Turner ist?“, habe ich gefragt, ich war ganz stolz auf mein „Page-Turner“, aber er antwortete: „Das Foreshadowing der Backstory muss vor dem Midpoint geplantet werden, sonst geht’s nicht!“

Am letzten Abend saß ich in der ZDF-Lounge, dort stand mit großer Schrift: „Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde“ (Karl Jaspers). Ich wollte schon wie ein Huhn mit dem Kopf nicken, da dachte ich, der Satz könnte auch von Guido Westerwelle stammen, dem Mann mit dem derzeit irrsten Plot Point. Vielleicht sollte Westerwelle lieber in der Filmwelt aufräumen statt in Bundespressekonferenzen und im Sozialstaat? Andererseits: Man kann Trends nicht aufhalten. „We are all sitting in one boat“, hat Günther Oettinger gesagt.

Eines muss ich aber noch selbst sagen: Wir haben unseren Hühnerstall zu Hause nie in VIP-Bereiche unterteilt, wie das jetzt immer stärker auf der Berlinale geschieht. Offensichtlich haben die Menschen das Bedürfnis, überall besser zu sein als die anderen. Es ist ja schon schwer, überhaupt auf einen Berlinale-Empfang zu kommen, aber kaum ist man drin, fangen sie drinnen wieder an, Super-VIP-Zonen zu errichten, in welche die anderen, die nur VIP sind, nicht reindürfen.

Das ist eigentlich das letzte Bild, das ich von dieser Berlinale habe: wie irre ruckelnde und zuckende Köpfe in der VIP-Zone, die ständig auf die ebenso ruckelnden und zuckenden Köpfe in der Super-VIP-Zone gucken, die so höhergestellt herübergrinsen, als seien sie gerade ge-green-lighted worden.

PS: Der unique selling point (USP) dieser Kolumne ist, dass ich Teile davon komplett bei mir selbst abgeschrieben habe.

Hier schreiben abwechselnd: Elena Senft, Jens Mühling, Moritz Rinke und Christine Lemke-Matwey.

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