Kolumne: Von TISCH zu TISCH : Antonello

Taschenkrebsravioli in tomatiger Sauce.

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Heute mal ein nahezu klassisches Henne-Ei-Problem: der Berliner Stadtrand. Gibt es dort keine guten Restaurants, weil die Leute zum Essen nicht so weit fahren wollen – oder fahren die Leute nicht so weit, weil es dort keine guten Restaurants gibt? Und was lässt sich daran ändern? Vielleicht sollten die Wirte einfach mal Bescheid sagen, dass es sie gibt. Denn auffällig oft ist es so, dass ehrgeizige Neugründungen im Grünen eher heimlich als öffentlich vollzogen werden, ganz so, als warte der Berliner ausgerechnet auf Mundpropaganda, um den Weg zum anständigen Essen zu finden. Na, und dann verschwinden die meisten Betriebe auch bald wieder.

Deshalb war ich ziemlich verblüfft, als ich kürzlich beim zufälligen Vorbeifahren am alten Restaurant Siegfried Rockendorfs in Waidmannslust in den Räumen die „Osteria della Salute“ mit dem Beinamen „Antonello“ entdeckte. Die gab es zuvor eine Weile in der Leibnizstraße, wo sie keine kulinarisch auffälligen Wellen geschlagen hatte. Wie könnte das ausgerechnet dort draußen anders werden, und das ohne jegliche Reklame, die über das Bescheidsagen bei Stammgästen hinausginge?

Es war dann auch ziemlich leer in den geduckten Räumen, die sich seit der Rockendorf-Ära wenig verändert haben, sieht man davon ab, dass die Kitsch-Erotik an den Wänden durch Schwarz-WeißFotos italienischer Herkunft ersetzt wurden; der etwas spießigen Wohnzimmeratmosphäre hilft das wenig. Gekocht wird traditionell puristisch, sehr einfach und ohne Schnörkel, das setzt, wenn es sehr gut sein soll, viel Können und beste Produkte voraus. Sagen wir: Es war ganz okay.

Etwas verblüfft waren wir schon, als die außerhalb der Karte angebotenen gebratenen Artischocken ohne jegliche Beigabe nur mit etwas Olivenöl auf den Teller geklatscht kamen, doch sie schmeckten ausgezeichnet. Auch die ebenso schmucklose Darbietung der gebratenen Jakobsmuscheln mit Steinpilzen gelang einigermaßen, mit der Einschränkung, dass es sich bei den Pilzen um eine (gute) Konserve handelte. Höhepunkt des Abends waren zweifellos die knapp bemessenen Taschenkrebsravioli in tomatiger Sauce, deren Füllung das spezifische Aroma der Krebse sehr schön herausstellte.

Vor den Hauptgerichten mussten wir uns für Salat oder Gemüse entscheiden – die Wahl des Salats war vermutlich falsch, denn das überwiegend aus geschreddertem Eisbergsalat bestehende Gemengsel hatten sie in der Küche sensationell lieblos zusammengeworfen. Sehr gut gelang dann das saftige, aromatische Kalbskotelett mit nichts als Butter und Salbei, während die gebratenen Filets vom Loup de Mer übergart auf den Tisch kamen – die Methode, den hier irgendwie fremdartig schmeckenden Pesto gleich draufzustreichen wie Butter aufs Brot, fand ich nicht optimal (Hauptgerichte um 20, Vorspeisen/Pasta um 12 Euro).

Ja, die Dessertkarte bietet das absolut Erwartbare, das ist nun mal so in dieser Art Restaurant, aber die Panna cotta mit Himbeeren fanden wir immerhin ganz gelungen. Auf die schnapsig süßen Babas mit Rum hätten wir dagegen verzichten können. Auch die schmale Weinkarte fügt sich bei vernünftigen Preisen ins Unvermeidliche und gibt etwa den Stand von 1985 wieder, was Regionen und Namen angeht. Ein paar attraktiv eingestaubte Antiquitäten aus dieser Zeit stehen auch in einer Vitrine; ich würde von der Bestellung eher abraten. Der Chef, leger in Jeans, machte den Service zusammen mit einer Kellnerin wenig konzentriert mit links, das war sicher nicht die Gastfreundschaft, derer er sich als Gründer der Grunewalder „Forchetta“ auf der Website rühmen lässt.

Was ist das nun? Zu Rockendorfs Zeiten war das Restaurant dort droben Pflichtziel für alle, die in Berlin Spaß am guten Essen haben. Heute würde ich es allenfalls den Nachbarn empfehlen und ein paar anderen Gästen, die Spaß an diesem betont einfachen Küchenstil haben und es mit Details nicht so genau nehmen.

Antonello – Osteria della Salute, Düsterhauptstr. 1, Waidmannslust, Tel. 3243516, nur Abendessen, montags geschlossen.

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