Kolumne: Von TISCH zu TISCH : Gendarmerie

Gänseleberterrine mit Trauben

Bernd Matthies

Großstadtattraktion oder Touristenfalle? Die Meinungsbildung über die (fast) am Gendarmenmarkt liegende „Gendarmerie“ ist noch nicht abgeschlossen. Das liegt vermutlich auch daran, dass die meisten Insider dem Betreiber Jo Laggner vor allem hohe Kompetenz beim Geldverdienen und eine exzellente Nase für Lagen und Konzepte zubilligen, seine kulinarische Botschaft aber weniger attraktiv finden: Mittelmaß in allen Varianten. Essen, das beim Reden nicht stört, Preise, die nicht schocken, aber sich irgendwie läppern – das ungefähr müsste es sein.

Die „Gendarmerie“ ist nun der Großangriff eines Gastronomen, der eigentlich schon alles hat, bis auf das, was ihm noch fehlt: Er möchte einen Laden mit Glamour und Bedeutung, über den die richtigen Leute reden, eine Mixtur aus Borchardt und Grill Royal, nur halt groß, als wär’s ein Stück Londonparis. Groß ist die „Gendarmerie“ zweifellos, eine Halle mit 250 Plätzen – allein auf der Grundfläche der Holzplastik von Jean-Yves Klein an der Wand ließe sich ein nettes kleines Restaurant betreiben. Auf der Straßenterrasse kommt auch noch einiges zusammen, und demnächst soll es eine Austernbar im Keller geben … Wie wohl sich der Gast drinnen fühlt, hängt stark davon ab, ob es voll oder leer ist, was beides offenbar häufig vorkommt.

Gelenkt wird das Ganze von Männern in dunklen Anzügen, die offensichtlich noch gewisse Schwierigkeiten haben, den Gästefluss zu organisieren. Noch weiß keiner genau, wo die guten Plätze sind, drinnen in der Mitte, mehr an der langen Bar oder irgendwo sonst, das muss sich noch herausmendeln. Deshalb kann es mit gleicher Wahrscheinlichkeit passieren, dass man abschätzig gemustert oder freundlich begrüßt wird; eine Reservierung, wenngleich meist unnötig, wird wohl vorausgesetzt. Der Chef, der bekanntlich noch etwa 20 andere Betriebe besitzt, ist abends offenbar immer da und klappert nervös die Phalanx der werdenden Stammgäste ab, kniet sich also erkennbar rein.

Die Speisekarte: das Übliche. Eine eigene Idee steckt nicht dahinter, gekocht wird das gängige Brasserie-Repertoire. Ich mag nicht entscheiden, ob das öde oder sauclever oder beides ist, finde es aber enttäuschend. Ein Beispiel: Gerade habe ich mir in New York die „Bar Boulud“ angesehen, in der ein aus Frankreich eingeflogener Spezialist Pasteten, Terrinen, Schinken und Wurst in hinreißender Qualität produziert und zu Preisen servieren lässt, die – je nach Wechselkurs – etwa auf demselben Niveau liegen. Es wäre also erlaubt, auch in Berlin was Tolles zu machen. Doch der „Gendarmerie“ fehlt eben genau dieser ansteckende Enthusiasmus. Sie ist die klischeehafte Inszenierung einer modernen französischen Brasserie durch die Wiener-Schnitzel-Brille.

Wir hatten also Gänseleberterrine mit Trauben, recht ordentlich, mit krümelig trockenem Brioche, Tagliatelle mit Pfifferlingen in einer Badewanne kräftig gewürzter, üppig ausladender Sahnesauce, ein brav gebratenes Lachsforellenfilet auf Salade Nicoise, ein kompetent gemachtes Rib-Eye-Steak mit Bearnaise und gebratenen Kartoffeln, einen saftig-knusprigen Schokokuchen mit wenig aufregendem Pfirsichsorbet sowie eine Blaubeertarte mit irgendeinem anderen Eis, dessen Aroma ich vergessen habe – das war insgesamt nicht zu bemäkeln und ein messbarer Fortschritt gegenüber einem ersten Essen, das sich komplett aus der Erinnerung getilgt hat; Coq au vin, Kabeljau mit Fenchel sagen meine Notizen. (Hauptgänge um 25 Euro, Vorspeisen um 16 Euro, gut sortierte Austernauswahl 3,50/4 Euro.)

Warum also hingehen? Na, vielleicht wegen der Weinkarte, die nicht nur sehr gut sortiert ist, sondern die Flaschen auch zu Preisen anbietet, die die heikle Relation zwischen Preis und Leistung beim Essen zum Teil ausgleichen. Schon unter 40 Euro gibt es hochanständige Weine wie den brillanten „Tonschiefer“ von Helmut Dönnhoff – das ist so ziemlich das einzige Thema, bei dem das Borchardt klar das Nachsehen hat. Der Grill Royal, der ein deutlich jüngeres Publikum anspricht, ist noch besser sortiert.

Was draus wird? Keine Ahnung. Eine Touristenfalle immerhin ist es nicht.

Gendarmerie, Behrenstr. 42, Mitte, Tel. 76775270, täglich ab 11 Uhr geöffnet.

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