Kolumne: Von Tisch zu Tisch : Schloss Ribbeck

Hirschkeule mit Spätzle

Bernd Matthies

Und jetzt alle! „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland/ein Birnbaum in seinem Garten ...“ So hebt das angeblich beliebteste Gedicht deutscher Zunge an – und manch neugieriger Tourist wird durch das Dorf westlich von Nauen marschiert sein, um dort die romantischen Bilder zu finden, die Fontanes Reime heraufbeschwören. Und wenig gefunden haben. Das hat sich jetzt langsam geändert; erst kam der Urenkel des Schlossherren und gründete eine Schnaps- und Essigproduktion – und nun glänzt auch das frisch restaurierte Schloss wieder in der Ortsmitte, umgeben von großen Linden und kleinen, nachgeborenen Birnbäumen.

Dieses Schloss nimmt auf, was in ein solches Schloss gehört, das Standesamt, ein kleines Museum und ein kleines Restaurant. Hier müssen wir einen Moment innehalten und die Erwartungen klären. Denn es wäre sicher aussichtslos, in Ribbeck eine ausgefeilte Gourmetküche mit entsprechenden Preisen zu servieren, und folglich haben wir es mit einem Kompromiss zu tun: Auf der Karte stehen Hauptgänge, die komplett um die 17 und als halbe Portionen schon um 12 Euro verkauft werden, das ist sehr günstig. Nur verzichtet man damit von vornherein auf all jene Gäste, die allein wegen guten Essens anreisen würden und nun doch lieber in Berlin bleiben. Ein schwer lösbares Problem.

In der Küche des eher wie ein modernes Großstadtbistro eingerichteten Restaurants steht Thore Redepenning. Er war früher in Schloss Ziethen tätig, arbeitete dort unter ähnlichen Bedingungen und hat mich nie wirklich begeistert. Für Ribbeck wäre es wohl notwendig, eine moderne, betont regionale Küche zu entwickeln, doch davon habe ich noch nicht viel gesehen. Die Richtung ließe sich als allerweltsmäßig beschreiben, man merkt die knappe Kalkulation, den Zwang, vieles vorzubereiten, was dann eben vorbereitet schmeckt, die trockene Polenta zur gebratenen Rotbarbe, der eiskalte, batzig-feste Kokos-Milchreis als Dessert. Und auch die quietschsüße Chilisauce wie aus der Asia-Flasche schien mir nicht gerade die ideale Begleitung zu den sonst gut gemachten Lachsforellenfilets mit Kartoffeln und, ganz originell, gebratenem Eisbergsalat zu sein.

Oben auf der Liste stand für mich die exzellente, in einer tiefgründigen Sauce servierte Roulade aus der Hirschkeule, die ganz klassisch mit Preiselbeeren, Möhren und Spätzle serviert wurde; solche Dinge sind hier vermutlich wichtiger als halbgare Experimente. Ganz sanft und angenehm zu essen war auch die dreischichtige Mousse aus Baumtomaten, Basilikumgelee und Parmesan, begleitet von einem Rucolasalat. Und die Birne? Wo ist die Birne? Hier kommt sie, als eine Art Kaltschale, recht aromatisch. Weshalb darin allerdings sehr konfektioniert schmeckende Bitterschokoladencreme und ebensolches Zitroneneis schwimmen mussten, habe ich nicht begriffen. Die Küche wurstelt sich nicht ungeschickt durch und ist ihren schmalen Preis wert. Aber extra deshalb hinfahren?

Das ist auch das Problem in Linum, dem bekannten märkischen Storchendorf. Hier gibt es seit kurzem das „Kleine Haus“, eine bescheidene Gaststätte mit regionalem Anspruch, deren Chef Frank Buthmann es zur allgemeinen Überraschung sogar sofort in die Nominierungsliste der „Berliner Meisterköche“ gebracht hat. Das weckt eindeutig viel zu hohe Erwartungen. Denn der Ansatz ist zwar originell, aber die Umsetzung handwerklich zu grobschlächtig, ob beim fasrig zerkochten Schweineragout mit Pilzen, der in unansehnlich großen Brocken servierten Mozzarella-Gemüseterrine, beim enorm schweren Gemüsestrudel oder der Kartoffelsuppe mit Balsamico und einer „Charolais-Bockwurst“, die eher wie Knacker schmeckte. Gut gefielen uns die gebratenen Maränen mit Senfgurken-Kartoffelsalat, noch besser der wunderbar fluffige Heidelbeer-Quark-Schmarrn. (Vorspeisen 8,50, Hauptgänge 10–14 Euro). Vielleicht wird’ s noch was ...

Kleines Haus, Nauener Str. 58, Linum, Telefon: 033922/90855, Mi-So 11-18.30, Oktober Mo-So 10-21 Uhr

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