Kolumne: Von TISCH zu TISCH : Tauro Iberico

Andalusischer Kartoffelsalat

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Vermutlich sind wir Restaurantkritiker viel zu sehr auf die kleinen Betriebe fixiert, in denen der Meisterkoch höchstpersönlich jeden Teller absegnet. Dahinter steckt die zweifelhafte Philosophie „Hier kocht der Chef!“, so deutsch wie Eisbein mit Sauerkraut, die uns suggeriert, nur der Patron sei in der Lage, anständiges Essen zuzubereiten. Die Folge: Vielen Gästen schmeckt es nachträglich schlechter, wenn sie erfahren, dass er nicht da war, oder es nur argwöhnen, weil er sich nicht sehen ließ.

Paul Bocuse hat diesem Personenkult die passende Absage erteilt: Als er gefragt wurde, wer denn koche, wenn er nicht da sei, antwortete er: Dieselben, die auch kochen, wenn ich da bin. Genützt hat es wenig; unsere beliebtesten Köche müssen immer noch beteuern, dass sie, wenn sie Werbekasse bei Lidl und Rama machen, das nur morgens von sechs bis neun tun und danach garantiert jede Zwiebel im Haus persönlich hacken.

Diese Vorrede bringt uns in ein neues, großes Berliner Restaurant, in dem es solchen Personenkult nicht gibt. Es ist so gut wie immer geöffnet, hat Hunderte von Plätzen, eine scheinbar viel zu große Karte, und es will gleich zwei Gelüste auf einmal befriedigen: Oben im „Tauro“ auf dem Pfefferberg werden Steaks und Nudeln serviert, unten gibt es traditionelle spanische Küche, ein Delikatessengeschäft gehört auch noch dazu. Im Vorraum steht ein lebensgroßer Bronzestier, und auch sonst wurde hier sehr viel Geld gesteckt in eine gelungene Illusion von Authentizität – mallorquinischer kann es auch in Mallorca nicht aussehen.

Trotzdem: keine Touristenfalle. Das Essen ist außerordentlich solide, vom Ballermann ebenso weit entfernt wie von den Tricks der neuen spanischen Avantgardeküche. Schon die Liste der Tapas ist nach meinem Eindruck länger als jede andere in Berlin, und was wir stichprobenhaft bestellten, überzeugte durch kräftige Würzung und sauberes Handwerk; ein deutlicher Hang zur vorzeitigen Sättigung hing wohl mit dem relativ hohen Ölgehalt zusammen. Hähnchen in Curry mit Garnelen, Artischockensalat mit Pute (ein bisschen fad), kleine Tintenfische in köstlicher scharfer Tomatensauce, gebackene Sardellen mit Zitrone, andalusischer Kartoffelsalat mit Oliven und Tomaten – bei Preisen um die 3 Euro 50 pro Portion insgesamt eine höchst angenehme, bei wenig Hunger schon deutlich ausreichende Mahlzeit für zwei.

Wir reden hier nur von der spanischen Abteilung des Restaurants, in der es viel mehr gibt, als sich auch nur annähernd probieren ließe. Die Paradegerichte werden zudem nur ab zwei Portionen aufwärts zubereitet, was die Auswahl noch einschränkt: Paella, die es auch als „Fideua“ mit Nudeln gibt, und der traditionelle Arroz Caldoso, eine Art üppiger Reiseintopf aus der Gegend von Valencia. Wir orderten für zwei – und erhielten eine Tonschale, deren Inhalt auch für sechs durchschnittliche Esser ausgereicht hätte.

Eine deftige, sehr bodenständige Angelegenheit ist das, in der Fleischvariante bestückt mit Ente, Huhn, kleinen Wurststücken, Kartoffeln, Gemüsespuren, wirklich authentisch, so weit ich es beurteilen kann (13,50 Euro pro Person). Der freundliche, noch etwas orientierungslos agierende Service bot uns an, den Rest für zu Hause einzupacken … Auf gleichem Niveau lagen die Desserts, eine geschmeidige Crema Catalana mit nettem Orangenhauch und ein Torrone-Eisparfait mit Zitrusfrüchten (um 6 Euro).

Die schmale, auf moderne spanische Standards getrimmte Weinauswahl macht es ebenfalls schwer, den Preis für ein Essen zu zweit auf über 100 Euro zu stemmen. Doch was es gibt, ist gut ausgesucht, das Sortiment enthält sogar Überraschungen wie den sehr passablen Riesling „Waltraud“ von Torres für 29 Euro.

Es ist also durchaus möglich, gutes Essen im wirklich großen Rahmen zu servieren, ohne viel Getue und zu erträglichen Preisen. Ob auch das Steak- und Pasta-Restaurant im Obergeschoss dieses Lob verdient, werde ich bei Gelegenheit nachtragen. So oder so ist es erfreulich, dass der lange brachliegende Pfefferberg wieder eine Perspektive hat.

Tauro Iberico, Schönhauser Allee 176 (Pfefferberg), Telefon 40056048, täglich ab 11.30 Uhr.

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