Zeitung Heute : Kommentar zum Bild

BORIS KEHRMANN

Das Filmorchester Babelsberg mit Schnittke und ChaplinBORIS KEHRMANNEs braut sich etwas zusammen im Orchestergraben.Noch bevor das erste Bild auf der Leinwand in der Komischen Oper aufscheint schieben sich, tiefe Streicher, Holz und Blech über den G-Dur-Dreiklang der Violinen und schwellen zur Kakophonie an.Musikalische Metapher eines Zustandes, der den Bauernburschen auf der Suche nach Arbeit in die brodelnde Stadt, dem machtvollen Strom der Revolution entgegen treibt? Wsewolod Pudowkin, der neben Eisenstein bedeutendste sowjetische Filmer, drehte "Die letzten Tage von St.Petersburg" zum 10.Jahrestag des Roten Oktobers.Eine besondere Musik wurde für den Stummfilm 1927 nicht komponiert.Erst als der Streifen anläßlich der 75.Wiederkehr des Jubiläums restauriert wurde, konnte man den sowjetisch-deutschen Komponisten Alfred Schnittke überreden, wieder eine Film-Partitur zu schaffen.Affirmative Rekonstruktion des Geistes von 1927 war nicht beabsichtigt, sondern kommentierende Reflexion aus der Perspektive nach dem Zusammenbruch der einstigen Staatsgründung.So machte Schnittke von seinem Recht auf künstlerische Freiheit Gebrauch und deutete die laufenden Bilder an zentralen Stellen um: die Newa-Stadt, von Pudowkin in ihrer Verbindung von modernster Technologie und (neo-)barocker Repräsentationsarchitektur vielschichtig gefeiert, als russisches Venedig poetisiert und als Brutstätte eines bourgeoisen Yuppietums verhöhnt, hüllt Schnittke in den nostalgischen Glanz verklärenden Glockengeläuts.Den Schlußsequenzen, die Greuel- und Gewaltexzesse von Krieg und Bürgerkrieg wieder zurückleiten in das ruhige Fahrwasser proletarischer Humanität, unterlegt er nicht etwa die Internationale, sondern die von einer Dame und acht Herren des Ernst-Senff-Chores in C-Dur wieder und wieder abgesungene Zaren-Hymne.Einfachste Menschlichkeit sollte sie auch aus heutiger Perspektive nur im Zeichen des Doppeladlers möglich scheinen? Ganz so einfach macht es sich Schnittke nicht.Im Innern dieses Bezugsrahmens gibt es Platz für Differenzierungen.Die Arbeit in der Fabrik, der Streik der Arbeiter, das entschlossene Handeln der bolschewistischen Agitatoren sie alle bilden als scharf konturierte melodische Figuren und kraftvolle Rhythmen den Gegenpol zum amorphen Streichergewusel der Börse, zu den ordinären Märschen der Kriegskapellen. Frank Strobel, der das Werk mit dem Komponisten erarbeitet hatte, bürgte in der Komischen Oper an der Spitze des Deutschen Filmorchesters Babelsberg für eine authentische Wiedergabe.Seine Vielseitigkeit bewies das hier in halber Stärke mit kleinem Streicherapparat, Klavier, Synthesizer und reichem Schlagwerk angetretene, insgesamt 65 Musiker zählende Ensemble, das sich 1991 aus Mitgliedern der abgewickelten Orchester von DEFA und Radio Berlin neuformierte, am folgenden Abend mit Filmmusiken nach Melodien von Charlie Chaplin.Auf süffigen Streicherwogen swingten, walzten und schluchzten sich die Babelsberger frisch, frech und manchmal auch zum Heulen schön durch "The Kid" und "The Idle Class".

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